Wal Buchenberg
22.08.2003, 15:19 |
Ob Flöhe Urlaub machen? - Pyrenäen-Haikus Thread gesperrt |
-->Ob Flöhe Urlaub machen? Pyrenäen-Haikus
Haiku heißen japanische Kurzgedichte. Während europäische Kurzgedichte (Epigramme) oft abstrakte Gedanken enthalten, bleiben Haikus im Konkreten und schildern ein einzelnes Ereignis oder eine Situation.
Jaca
Nachtkühle fließt von den Bergen.
In elfstöckigen Hausfronten kein Mensch, der Fenster und Türen öffnete.
Fremde
Im Tal durchsucht uns die Guardia Civil nach Bomben.
Hier oben warnen Murmeltiere vor uns die Bergwelt.
Besuch
Auf ihrem Weg zum See läuft die Gams durch unser Wohnzimmer.
Den nächsten Tag warten wir vergebens.
Heimat
Vor jedem Wetter geschützt hausen Ameisen unterm Stein.
Mit ihnen und von ihnen leben fett zwei Frösche.
Ibon de Lapacosa
So selten beschwommen der See,
dass Fische uns die Zehen lutschen.
Canon de Anisclo
Die Wildscheine im Canon de Anisclo sind infam.
Man sieht sie nicht, man hört sie nicht, und doch machen sie Angst.
Mauern
Wie Verließe wirken die romanischen Kirchen hier.
Nur aus der Ferne sind sie schön.
Musterung
Ohne Regung mustert mich die Gemse,
bis sie endlich erhobenen Hauptes geht.
Wer weiß...
Wer weiß, ob es Regentropfen sind oder die Fliegen,
die gegen das Zeltdach prasseln?
Rezept
Man pflückt Blaubeeren, rührt Milchpulver in Wasser vom Bergsee
und hat Heidelbeeren mit Sahne.
Besuch
Eine einhörnige Gemse kommt uns am See besuchen.
Da wird unser Abendessen kalt.
Urlaub
Ob Flöhe Urlaub machen?
Auf jeder Berghütte trifft man sie.
Gruß Wal
|
Bob
22.08.2003, 16:42
@ Wal Buchenberg
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Re: Haikus sind Dreizeiler (Terzinen) mit 17 Silben insgesamt. |
-->>Ob Flöhe Urlaub machen? Pyrenäen-Haikus
>Haiku heißen japanische Kurzgedichte. Während europäische Kurzgedichte (Epigramme) oft abstrakte Gedanken enthalten, bleiben Haikus im Konkreten und schildern ein einzelnes Ereignis oder eine Situation.
>
>Jaca
>Nachtkühle fließt von den Bergen.
>In elfstöckigen Hausfronten kein Mensch, der Fenster und Türen öffnete.
>
>Fremde
>Im Tal durchsucht uns die Guardia Civil nach Bomben.
>Hier oben warnen Murmeltiere vor uns die Bergwelt.
>
>Besuch
>Auf ihrem Weg zum See läuft die Gams durch unser Wohnzimmer.
>Den nächsten Tag warten wir vergebens.
>
>Heimat
>Vor jedem Wetter geschützt hausen Ameisen unterm Stein.
>Mit ihnen und von ihnen leben fett zwei Frösche.
>
>Ibon de Lapacosa
>So selten beschwommen der See,
>dass Fische uns die Zehen lutschen.
>
>Canon de Anisclo
>Die Wildscheine im Canon de Anisclo sind infam.
>Man sieht sie nicht, man hört sie nicht, und doch machen sie Angst.
>
>Mauern
>Wie Verließe wirken die romanischen Kirchen hier.
>Nur aus der Ferne sind sie schön.
>
>Musterung
>Ohne Regung mustert mich die Gemse,
>bis sie endlich erhobenen Hauptes geht.
>
>Wer weiß...
>Wer weiß, ob es Regentropfen sind oder die Fliegen,
>die gegen das Zeltdach prasseln?
>
>Rezept
>Man pflückt Blaubeeren, rührt Milchpulver in Wasser vom Bergsee
>und hat Heidelbeeren mit Sahne.
>
>Besuch
>Eine einhörnige Gemse kommt uns am See besuchen.
>Da wird unser Abendessen kalt.
>
>Urlaub
>Ob Flöhe Urlaub machen?
>Auf jeder Berghütte trifft man sie.
>Gruß Wal
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Pudelbirne
22.08.2003, 17:29
@ Wal Buchenberg
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Re: Na, der Urlaub scheint seinen Namen verdient zu haben |
-->Wal:
Starkes, rotes Herz
im Elli Wellen Board
mit Hang zur Poesie!
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Wal Buchenberg
22.08.2003, 17:54
@ Bob
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Re: Haikus sind keine Terzinen mit 17 Silben. |
-->Hallo,
"Terzine" ist eine westliche Lyrikform, keine japanische. Dass japanische Haikus aus 17 Worten=Schriftzeichen (NICHT SILBEN!) bestehen, ist ihre äußere Form, die nicht ohne weiteres in westliche Sprachen übertragbar ist.
Im übrigen: Lyrik ist ein Inhalt mit einer spezifischen Betrachtungsweise, und kein Formschema.
Gruß Wal
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Bob
22.08.2003, 18:52
@ Wal Buchenberg
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Re: Haikus sind keine Terzinen mit 17 Silben. - aber Dreizeiler |
-->>Hallo,
>"Terzine" ist eine westliche Lyrikform, keine japanische. Dass japanische Haikus aus 17 Worten=Schriftzeichen (NICHT SILBEN!) bestehen, ist ihre äußere Form, die nicht ohne weiteres in westliche Sprachen übertragbar ist.
>Im übrigen: Lyrik ist ein Inhalt mit einer spezifischen Betrachtungsweise, und kein Formschema.
>Gruß Wal
Hallo Wal,
Terzine ist natürlich westlich, hab' ich nur so als Analogie benutzt. Japanische Haikus bestehen tatsächlich aus 17 Silben (siebzehn Zeichen hab ich nirgendwo gefunden- vielleicht meint Deine Quelle ja Silbenzeichen"kana"), die in drei Zeilen angeordnet sind. Ordne Deine Verse doch einfach in drei Zeilen an. Jeder Kenner der Materie wird Dir sofort sagen:"Aber Haikus haben doch drei Zeilen!"
Haikus sind hervorgegangen aus sog. haikai. Haikai haben immer am Anfang einen Dreizeiler mit siebzehn Silben gehabt. Die Dreizeiler haben sich hinterher verselbständigt und werden bis heute Haiku genannt. Das ist natürlich wirklich sehr schwer auf Deutsch zu machen, aber wieso nennst Du's dann überhaupt Haiku?
Ein guter Haiku beschreibt zunächst eine Szene oder eine Stimmung und dann eine intuitive Beobachtung.
Dichtung hat im übrigen sehr wohl einen gewissen Anspruch an die Form. Der Reiz kommt doch gerade daher, daß man Gefühle in Formen packt. Einfach drauflos schwadronieren, das kann doch jeder.
dichterische Grüße
bob
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Wal Buchenberg
22.08.2003, 19:03
@ Bob
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Re: Haikus sind Dreizeiler - Richtig |
-->Hallo Bob,
einverstanden, Haikus sind japanische Dreizeiler mit 17 Silben.
Meine Behauptung"17 Worte statt 17 Silben" hatte ich fälschlich aus dem Chinesischen übernommen.
Es ist mir ein Leichtes, aus meinen Urlaubs-Haikus Dreizeiler zu machen.
Morgen mehr.
Gruß Wal
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Bob
22.08.2003, 19:14
@ Wal Buchenberg
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Re: Habe gerade einen Haiku komponiert der nicht nur formvollendet, sondern auch |
-->>Hallo Bob,
>einverstanden, Haikus sind japanische Dreizeiler mit 17 Silben.
>Meine Behauptung"17 Worte statt 17 Silben" hatte ich fälschlich aus dem Chinesischen übernommen.
>Es ist mir ein Leichtes, aus meinen Urlaubs-Haikus Dreizeiler zu machen.
>Morgen mehr.
>Gruß Wal
rätselhaft ist
Friedlich neigt zur Ruhe sich,
Der rote Planet -
Mein zweites Gesicht.
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Uwe
23.08.2003, 11:47
@ Wal Buchenberg
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Re: Ob nun nur Dreizeiler oder aus derArt geratene Haikus,... |
-->...
mir hat's gefallen, Wal, und am Schluß meinete ich so viel erlebte Naturnähe heraus gelesen zu haben, dass ich mich fragt:"Warum hat der Wal eigentlich die Flöhe nicht selbst gefragt?". [img][/img]
Gruß,
Uwe
P.S.
Gratulation zur Buchveröffentlichung"Wal Buchenberg: Was Marx am Sowjetsystem kritisiert hätte" und verdienten Erfolg
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Wal Buchenberg
23.08.2003, 19:59
@ Uwe
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Re: Warum ich die Flöhe nicht selbst gefragt habe |
-->Hallo Uwe,
danke für die Blumen.
Warum ich die Flöhe nicht selbst gefragt habe? Nun ja, es sind halt sehr scheue Gesellen. Aber für alle Laien: wo immer zwei Stiche/Bisse knapp nebeneinander am Körper zu finden sind, da handelt es sich um Flohbisse.
Mein Rekord (nach eine Nacht auf dem Strohlager in einem chinesischen Bergkloster) waren 87 Flohbisse am Körper. Wer Fachkenntnisse braucht, wie man Flöhe loswird, kann bei mir nachfragen.
Zu den Haiku:
Nehmen wir mal den ersten Text:
Nachtkühle fließt von den Bergen.
In elfstöckigen Hausfronten kein Mensch,
der Fenser und Türen öffnete.
Nach den japanischen Silbenregeln (3 Zeilen mit 5, 7, 5 Silben) kann/muss der Haiku lauten:
Die Nachtkühle kommt.
In hohen Häusern niemand
Zum Fenster öffnen.
Die Silbenregel ist damit eingehalten, aber der Text wird dadurch nicht besser, sondern schlechter.
Die Deutsche Sprache hat viele lange Wörter mit vielen Silben. Die sind gar nicht verwendbar nach dieser Regel. Wer die japanische Silbenregel aufs Deutsche überträgt, dem bleibt nur eine Art Babysprache.
Das Wort"Guardia Civil" hat schon vier Silben. Niemand kann damit eine sinnvolle Gedichtzeile (Subjekt mit Prädikat) mit 5 Silben bauen.
Das Wort"Murmeltiere" hat ebenfalls vier Silben. Soll es aus Haikus ausscheiden?
Die 5-7-5 Regel ist ein Formalkram, der im japanischen vielleicht sinnvoll ist, aber nicht ins Deutsche passt.
Ich behaupte aber, den"Geist", die Weltsicht der japanischen Haikus in meinen Haikus eingefangen zu haben.
Ich bin sicher, sie ließen sich mit Leichtigkeit ins Japanische übersetzen.
Gruß Wal
>...
>mir hat's gefallen, Wal, und am Schluß meinete ich so viel erlebte Naturnähe heraus gelesen zu haben, dass ich mich fragt:"Warum hat der Wal eigentlich die Flöhe nicht selbst gefragt?". [img][/img]
>Gruß,
>Uwe
>P.S.
>Gratulation zur Buchveröffentlichung"Wal Buchenberg: Was Marx am Sowjetsystem kritisiert hätte" und verdienten Erfolg
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