--><font size=5>Deutschland geht Pleite </font>
<font color="#FF0000">Immer mehr Deutsche sind überschuldet</font>. Die Verbraucherinsolvenz könnte helfen. Der Bedarf ist riesig, aber es gibt zu wenig Anlaufstellen und Wartezeiten von mehr als einem Jahr. Nur 15 Prozent der Schuldner können in die private Insolvenz gehen. Den anderen bleibt nur die Sozialhilfe
von Barbara Brandstetter
Die Sonne brennt, in dem Hinterhof im Berliner Bezirk Neukölln steht die Hitze, aber keiner schert aus der Menschenschlange, die vor einer Glastür ihren Anfang hat. Manche stehen schon seit einer Stunde hier, seit acht Uhr, und sie werden noch eine Stunde hier stehen, denn die Glastür öffnet sich erst um zehn Uhr. <font color="#FF0000">"Neue Armut" steht auf der Tür, davor haben sich knapp 50 Menschen aufgereiht, ältere Herren, Mütter mit Kinderwagen, junge Pärchen</font>. Alle haben Papiere bei sich, gebündelt in bunten Plastik-Schnellheftern oder in dicken Leitzordnern: Kontoauszüge, Schreiben von Gläubigern. Wer hier steht, hat Schulden. Wer hier steht, ist ein Notfall. Donnerstags ab zehn kommen nur die Notfälle dran in der Sprechstunde des Arbeitskreises"Neue Armut".
<font color="#FF0000">Notfall, sagt Sven Gärtner vom Arbeitskreis, das heißt: der Gerichtsvollzieher kommt. Das Konto ist gepfändet. Kein Cent mehr ist zu bekommen. Doch müssten wenigstens Lebensmittel für das Wochenende gekauft werden</font>. Notfälle müssen zeitig da sein. Wer eine Minute nach zehn Uhr im Hinterhof erscheint, wird auf die nächste Woche vertröstet mit dem Rat, dann früher zu kommen.
In kargen Zimmern hinter der Glastür leisten vier Schuldnerberater erste Hilfe, jeden Donnerstag drei Stunden, im Akkord. <font color="#FF0000">Bei den meisten, die hierher kommen, sind die Schulden höher als das Netto-Jahresgehalt</font>. <font color="#FF0000">Am Nachmittag kommen dann die Überschuldeten, die schon einen regelmäßigen Beratungstermin haben."Jeder betreut hier parallel 110 Fälle"</font>, sagt Gärtner."Ist einer draußen, kommt der nächste rein.""Draußen" heißt, er befindet sich im privaten Insolvenzverfahren.
<font color="#FF0000">Seit Januar 1999 können auch Privatleute in Deutschland Insolvenz anmelden. Der Bedarf ist riesig. Allein im ersten Halbjahr 2003 haben 13 700 Verbraucher Insolvenz beantragt - 48,9 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum</font>. <font color="#FF0000">"Im Moment sehen wir da immer noch lediglich die Spitze des Eisbergs"</font>, sagt Dieter Plambeck, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Inkasso-Unternehmen die Zahlen."Vor allem die <font color="#FF0000">große Warteliste </font>bei den Schuldnerberatungsstellen macht klar, worauf wir uns noch einstellen müssen."
Wer in die Verbraucherinsolvenz will, muss zwingend einen Termin bei einer Schuldnerberatungsstelle absolvieren. Doch die sind nicht nur in Berlin völlig überfordert. Bei den derzeitigen Kapazitäten können maximal zehn bis 15 Prozent der überschuldeten Haushalte überhaupt beraten werden. Der Rest muss warten. Beim Arbeitskreis"Neue Armut" wurden die Wartelisten für Beratungen schon vor einem Jahr geschlossen. Trotzdem stehen noch 368 Fälle auf der Liste.
<font color="#FF0000">Besserung ist nicht in Sicht. Die Beratungsstellen hängen am Finanz-Tropf der Länder-Haushalte</font>. Und die müssen sparen. Anwälte sollten die Beratungsstellen unterstützen. Das Geschäft mit privaten Insolvenzen ist alles andere als lukrativ."In Berlin gibt es gerade einmal drei spezialisierte Anwälte", sagt Gärtner.
Seit die Insolvenzordnung im Oktober 2001 nachgebessert wurde, so dass nun auch die Prozesskosten gestundet werden können, stieg die Zahl derer, die eine Verbraucherinsolvenz beantragen, noch stärker: 1999 waren das gerade einmal 4278, 2002 bereits 41 347. Denn zuvor war völlig mittellosen Schuldnern der Zugang zum Insolvenzverfahren versperrt."Die meisten konnten nicht einfach ein paar tausend Euro für die Prozesskosten auf den Tisch legen", sagt Gärtner.
<font color="#FF0000">Fast drei Millionen Haushalte sind hier zu Lande überschuldet. 1989 waren es noch 1,2 Millionen</font>. Überschuldung betrifft längst nicht mehr nur Randgruppen."<font color="#FF0000">Durch die schlechte wirtschaftliche Lage sind in Deutschland ganz neue Kreise in die Überschuldung geraten</font>", sagt Dieter Korczak. Der Geschäftsführer der GP Forschungsgruppe hat den ersten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung 2001 mit verfasst."Das ist die neue und durchaus dramatische Variante".
<font color="#FF0000">Das hat auch Schuldnerberater Gärtner festgestellt:"Häufig haben die Haushalte bereits hohe Verpflichtungen. Wenn dann jemand arbeitslos oder krank wird, Familien sich trennen oder ein Kind geboren wird, rutscht man schnell in die Überschuldung." </font>
Wie schnell die Schuldenfalle zuschnappt, zeigt eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW): <font color="#FF0000">Inzwischen lebt jeder vierte deutsche Haushalt auf Pump. Dabei sind es zumeist gar keine großen Anschaffung wie eine Immobilie, die ratenweise abgestottert werden</font>. <font color="#FF0000">Allein von 1989 bis 1999 hat sich der Umfang aller von Privatpersonen in Anspruch genommenen Konsumentenkredite auf 216 Mrd. Euro quasi verdoppelt</font>. Durchschnittlich mussten die westdeutschen Haushalte im vorvergangenen Jahr monatlich 207 Euro aufbringen, um ihre Schulden zu bedienen, im Osten waren es 152 Euro."Lebe jetzt und zahle später wird inzwischen an jeder Ecke propagiert", sagt Korczak."Das geht meist gut, in vielen Fällen jedoch schief". <font color="#FF0000">Vor allem gilt das in Zeiten, in denen kaum mehr ein Arbeitsplatz sicher ist</font>."Wer dann bei gleichen Verpflichtungen von einem <font color="#FF0000">Bruchteil seines früheren Nettogehalts </font>leben muss, kann schnell ins Trudeln kommen", sagt Korczak.
Dazu kommt:"Noch nie wurde einem der Kauf auf Pump so einfach gemacht wie heute", sagt Korczak. Fast alles, selbst der Urlaub, kann inzwischen auf Raten abgezahlt werden."Und da wir zudem immer mehr mit Karte zahlen, verlieren wir den Bezug zum Geld und leicht den Überblick."
Was den Kunden ins Trudeln bringen kann, nutzt zunächst der Wirtschaft."Die moderne Marktwirtschaft braucht Schulden", sagt Hans Micklitz, Inhaber des Lehrstuhls für Privatrecht in Bamberg,"eine gewisse Verschuldung ist notwendig. Immerhin sind 50 Prozent unserer Volkswirtschaft vom Konsum abhängig." Doch der Bogen darf auch nicht überspannt werden. Denn wenn die Kunden ihre Rechnungen nicht mehr begleichen können, schadet das mittel- und langfristig doch den Unternehmen.
Und den Ländern schadet es auch. Die müssen den Bürgern, die finanziell nicht auf die Füße kommen, Sozialhilfe zahlen. In dieser Hinsicht haben Schuldnerberatungsstellen für die Länder einen handfesten wirtschaftlichen Nutzen, wie eine Studie für das Land Berlin zeigt - schon deshalb, weil mit der Verbraucherinsolvenz Kosten für Sozialhilfeleistungen vermieden werden."Für jeden eingesetzten Euro bekommt das Land zwei zurück", heißt es in der Studie. Auch Korczak ist überzeugt:"Je mehr beraten wird, um so mehr Geld kommt in den Kreislauf zurück."
Daran denken wohl keiner von denen, die am Morgen in dem Neuköllner Hinterhof stehen, vor der Glastür mit dem Schriftzug"Neue Armut". Wer hier steht, ist weit unten und verzweifelt, auch weil ihm die Schuldnerberater nicht helfen können, weil zu viele da sind, denen geholfen werden müsste. Das macht die Sache noch schlimmer und einen weiteren Abstieg durchaus möglich: Von der Überlastung der Schuldnerberatungsstellen profitieren unseriöse Kreditvermittler und Schuldnerberater. In immer mehr Annoncen versprechen sie den Überschuldeten"schnelle" und"unbürokratische" Hilfe. Gärtner:"Viele Schuldner klammern sich dann an diesen Strohhalm". Und verlieren mehr wertvolle Zeit. Und noch mehr Geld.
Artikel erschienen am 5. Aug 2003
[b] Quelle: http://www.welt.de/data/2003/08/05/147573.html?s=1, Die Welt, 05.08.2003
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