vladtepes
26.08.2003, 21:12 |
Die"demografische Katastrophe" ist nur eine Einbildung! Thread gesperrt |
-->Nur keine Panik!
Die Alten kommen. Das stimmt. Trotzdem werden die Jungen im Luxus leben. Die"demografische Katastrophe" ist eine Einbildung. Aber sie ist nützlich - für die Reichen
Eine Schreckenszahl vagabundiert durch Deutschland. Sie dominiert alle Rentendebatten und lautet schlicht: Im Jahre 2050 wird ein Erwerbstätiger einen Rentner finanzieren müssen. Das regt düstere Fantasien an. Die Jüngeren sehen es genau vor sich: Die munteren Rentner sonnen sich auf einem Kreuzfahrtschiff vor Teneriffa, während der eigene Nettolohn nicht einmal mehr für einen Campingurlaub an der Ostsee reicht.
Da kommen Neid und Panik auf, der"Generationenkrieg" wird ausgerufen. Plötzlich ist uns das Jahr 2050 so nah wie das nächste Wochenende. Zeitungen erkennen die neue Mode und stellen"Demografie-Redakteure" ein. Auch die Regierung beugt sich der grassierenden Rentenangst; und weil die Zukunft so wichtig ist, will man sie keinesfalls allein erfinden. Also wurde ein Expertengremium eingeschaltet; gestern tagte die Rürup-Kommission zum letzten Mal. Mehrheitlich beschloss sie eine neue Rentenformel, zudem soll die Lebensarbeitszeit bis 2030 auf 67 Jahre steigen. Beides wird die Renten um 2 Prozentpunkte auf 40 Prozent des durchschnittlichen Bruttolohns schmelzen lassen.
Angesichts dieser Emotionen, Formeln und Langfristplanungen mag es erstaunlich klingen, aber: Es gibt keine"demografische Katastrophe", für die wir vorsorgen müssten. Das Jahr 2050 wird nicht furchtbarer als das Jahr 2003, denn die Zukunft ist längst Gegenwart. Auch jetzt schon finanziert ein Erwerbstätiger mindestens einen Nichterwerbstätigen. 82,5 Millionen Menschen leben momentan in Deutschland, aber nur 38 Millionen arbeiten als Selbstständige und Angestellte. So weisen es die jüngsten Zahlen des Bundesamts für Statistik aus. Die Nichttätigen sind unter anderem Kinder, Rentner, Studenten, Hausfrauen und Arbeitslose. In dieser Gruppe wird es in den nächsten 50 Jahren zu Verschiebungen kommen. Die Zahl der Rentner wird steigen, dafür wird es kaum noch Arbeitslose und weniger Hausfrauen geben. Aber das sind Marginalien. Volkswirtschaftlich wichtig ist das Grundphänomen: Schon jetzt wird nicht einmal die Hälfte der Bevölkerung gebraucht, um den gesellschaftlichen Reichtum zu erwirtschaften. Wir können uns also die vielen künftigen Rentner locker leisten, wenn dafür andere Gruppen arbeiten, wie Mütter und Erwerbslose, die bisher vom Berufsleben fern gehalten werden.
Nun wäre es jedoch ein Irrtum, anzunehmen, dass künftig jede Frau in die Produktion abkommandiert würde. Oh nein. Nur 49 Prozent der erwerbsfähigen Frauen werden im Jahr 2030 arbeiten. So hat es Prognos für die Rürup-Kommission geschätzt. Das bedeutet: Auch in 27 Jahren werden in Deutschland immer noch weniger Frauen berufstätig sein als heute schon in Skandinavien. Eine"demografische Katastrophe" sieht anders aus, da wären solche Reservearmeen am Herd nicht mehr denkbar. Auch die Arbeitslosen bleiben vorerst. Prognos nimmt an, dass ihre Quote im Jahr 2020 bei 7 Prozent liegen wird; bis 2030 dürfte sie auf 4,4 Prozent sinken.
Mit einer Wirtschaftskrise sollten diese Zahlen nicht verwechselt werden. Prognos schätzt, dass das Bruttoinlandsprodukt bis 2030 im Durchschnitt jährlich um 1,7 Prozent wachsen wird. Gleichzeitig soll die Arbeitsproduktivität sogar um 1,8 Prozent pro Jahr steigen.
Weniger Menschen erwirtschaften also noch mehr Reichtum. Die Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung dürfte bis 2030 von aktuell 24.100 Euro auf 39.400 Euro zunehmen. Wir werden eine unglaublich wohlhabende Gesellschaft sein, sofern kein Krieg dazwischenkommt. An Arbeitskräften wird es kaum mangeln, den Maschinen sei Dank. Um im Bild zu bleiben: Die Mittel werden mühelos dafür reichen, dass sich jeder mehrmals jährlich auf Teneriffa sonnen kann.
Wo also ist das Problem? Wieso kann eine sinnlose Generationendebatte dermaßen dominieren? Da ist zunächst die Psychologie: Es macht für die Erwerbstätigen einen emotionalen Unterschied, welche Nichterwerbstätigen sie finanzieren - ob es ein anonymer Rentner ist oder die eigene Ehefrau, die zu Hause bleibt, um die Wohnung zu putzen und die gemeinsamen Kinder aufzuziehen.
Vor allem aber toben reale Verteilungskämpfe - allerdings nicht zwischen Alt und Jung, sondern zwischen Arm und Reich. So ist es zwar eine interessante Information, dass das volkswirtschaftliche Pro-Kopf-Einkommen weiter stark zunehmen wird. Aber das bedeutet eben noch lange nicht, dass jeder real existierende Kopf gleichermaßen profitiert.
Vom Wachstum hat am meisten, wer Kapital besitzt. Ob dies nun Aktien, Geldvermögen oder Immobilien sind. Diese Eigentümer werden nicht herangezogen, um die zunehmende Rentnerschar zu finanzieren. An der"lohnzentrierten Finanzierungsweise" der Altersbezüge rüttelt die Rürup-Kommission nicht.
Dieser Trend wird durch ein zweites Phänomen verschärft: Künftig haben wir weniger Arbeitslose und dafür mehr Rentner. Das könnte ein Nullsummenspiel sein - ein Nichterwerbstätiger wird gegen einen anderen getauscht -, aber in der realen deutschen Welt fördert es die Entsolidarisierung. Das hat mit unseren verschiedenen Versicherungssystemen zu tun. Die Arbeitslosenversicherung funktioniert wie eine Risikoversicherung. Alle Angestellten zahlen ein, aber nur eine Minderheit nimmt die Leistungen in Anspruch. Alle Arbeitnehmer unterstützen wenige. Die Rentenversicherung hingegen wird wie eine Kapitallebensversicherung betrachtet und damit auch verglichen. Die Rendite muss langfristig stimmen. Was ich heute einzahle, will ich morgen als Rentner wiederhaben, möglichst mit Zinseszins. Umverteilung ist nicht vorgesehen."Beitragsäquivalenz" heißt das Stichwort, das die Rürup-Kommission vielfach zitiert.
Wenn man nun die Rentenversicherung isoliert betrachtet, dann sieht es in der Tat so aus, als müssten wenige Junge viele Alte versorgen. Dann ist an eine Rendite nicht mehr zu denken. Also hat die Rürup-Kommission den Rentenbeitrag bei 22 Prozent gedeckelt und die Renten gesenkt.
Die bizarre Konsequenz: Obwohl die Zahl der Rentner steigt, werden die Lohnnebenkosten sinken, wie die Rürup-Kommission freudig prognostiziert. Denn die Arbeitslosenversicherung kann man ja ab 2020 zusammenstreichen, wenn die Vollbeschäftigung einsetzen soll. Solidarisch wäre, diese freien Mittel in die Rentenkassen umzuschichten, um dort die Altersbezüge der Ärmsten aufzupäppeln. Solidarisch wäre auch, Zinsen und andere Kapitaleinkünfte heranzuziehen, ohne dass dies die Rentenansprüche der Einzahler steigen lässt. Aber beides würde dem herrschenden Renditenprinzip widersprechen.
Mit der neuen Rentenformel kann bestens leben, wer gut verdient. Dann ist auch weiterhin eine anständige Rente zu erwarten; außerdem fällt es leicht, privat vorzusorgen. Die Verlierer sind jenes Drittel der Gesellschaft, das schon jetzt nicht genug hat, um zu sparen. Das ist keine demografische Katastrophe, sondern eine soziale.
ULRIKE HERRMANN
taz Nr. 7140 vom 26.8.2003, Seite 11, 241 Zeilen (Kommentar), ULRIKE HERRMANN,
<ul> ~ Quelle: TAZ</ul>
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chiquito
26.08.2003, 22:22
@ vladtepes
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Re: Da hat jemand mal nachgedacht [[applaus]] |
-->Hallo,
zusammengefasst heißt das: Schon längst unterhält jeder, der (als Selbständiger oder Lohnabhängiger) arbeitet, einen anderen Menschen mit, der als Kind, Rentner, Arbeitsloser oder Hausfrau nicht arbeitet.
Allerdings setzt die Argumentation der Autorin voraus, dass langfristig die Arbeitslosigkeit zurückgeht und mehr Frauen ins Berufsleben eintreten. Dann würde das Verhältnis von Arbeitenden zu Nicht-Arbeitenden (darunter auch die wachsende Zahl der Rentner) sich nicht wesentlich ändern.
Sicher ist es schwer abzuschätzen, ob die Arbeitslosigkeit wieder das niedrige Niveau wie in den 80er Jahren erreichen kann (als damals der Strom der Flüchtlinge aus der ehemaligen DDR durch den Mauerbau gestoppt wurde, lockte man die"Gastarbeiter" nach Deutschland, die geholfen haben, den Mangel an Arbeitskräften - und nicht: Mangel an Arbeitsplätzen!! - zu beseitigen.
Aber trotz dieser (meiner) unsicheren Prognose, wie sich die Nachfrage nach Arbeitskräften längerfristig entwickelt, muß ich der Autorin doch recht geben:
Die ganze gegenwärtige Medien-Kampagne wegen der befürchteten"Rentnerflut" hat vor allem den Sinn, die Lohn-Nebenkosten zu senken und damit die in Deutschland ansässigen Unternehmen konkurrenzfähiger auf dem Weltmarkt zu machen.
Man stelle sich das mal konkret vor: Wir sollen mit chinesischen Arbeitern konkurrieren, die ihr Wasser aus einem Brunnen holen, Hühner und Ziegen in der Hütte halten und so zur Entwicklung neuer Krankheitserreger (siehe SARS) beitragen. - Das kann`es denn doch wohl nicht sein.
Wie borniert die gegenwärtig betriebene"Rentner-Kampagne" ist, zeigt sich beispielsweise daran, dass man schon ein Renten-Eintrittsalter à la Methusalem fordert, während die Schulabgänger frustriert oder verzweifelt nach einer Lehrstelle suchen.
Resumee: Endlich mal wieder jemand, der sich seine eigenen Gedanken macht.
Grüße in die Runde
chiquito
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zucchero
26.08.2003, 23:22
@ vladtepes
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ein unglaublicher blödsinn! |
--> Wenn die Wirtschaft wächst gibt es Arbeitsplätze, die dann von denen besetzt werden können, die heute noch arbeitslos sind. Wo lebt diese Frau? Weiss die nicht, dass Arbeitslosigkeit heute überwiegend eine Frage der Qualität der Arbeitskräfte ist? Aber es gibt wohl doch noch Rückzugsgebiete (taz) wo man ohne besondere Qualifikation seinen Lebensunterhalt verdienen kann!
Und dann geht´s weiter: die Maschinen werden uns das Geld schon verdienen, das uns zum wohlverdienten Ruhestand noch fehlt... dazu sag ich garnix, sonst flip ich aus.
Ja! Wir müssen mit dem SARS-Träger, dem bemitleidenswerten Chinesen konkurrieren! Momentan leben wir von unserem Kapital, und können noch Paroli bieten. Vielleicht kommt aber bald ein Dorf in China auf die Idee, dass man die Taz nicht in Deutschland drucken muss. Die haben bestimmt irgendwo ne alte handbetriebene Presse, mit dem man solchen zeitlos gültigen Schund ganz billig herstellen kann.
Das wünsch ich der Autorin.
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tas
26.08.2003, 23:22
@ vladtepes
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Re: Die"demografische Katastrophe" ist nur eine Einbildung! |
-->... die meisten intellektuellen katastrophen sind pure einbildung:-)
wenigstens weiß man nach der lektüre, wo heuer die verteilungskämpfe toben: zwischen arm und reich, alt und jung, mann und frau, und dick und doof. und das schon seit mindestens paarhunderttausend jahren, oder noch länger und sicher auch länger als bis 2050...
paßt wundervoll der text meines derzeitig globalen lieblingslieds:
"wir werden alle genug zu essen haben
und häßliche teure pullover tragen,
in einer fussgängerzone rund um die welt
von bali bis nach bielefeld.
völker der erde seid ihr bereit?
bad salzuflen - weltweit...."
(original-mp3 downloadable irgendwo bei götz alsmann, unter"sophie rois" - live fast, love hard, die young:-)
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>Nur keine Panik!
>Die Alten kommen. Das stimmt. Trotzdem werden die Jungen im Luxus leben. Die"demografische Katastrophe" ist eine Einbildung. Aber sie ist nützlich - für die Reichen
>Eine Schreckenszahl vagabundiert durch Deutschland. Sie dominiert alle Rentendebatten und lautet schlicht: Im Jahre 2050 wird ein Erwerbstätiger einen Rentner finanzieren müssen. Das regt düstere Fantasien an. Die Jüngeren sehen es genau vor sich: Die munteren Rentner sonnen sich auf einem Kreuzfahrtschiff vor Teneriffa, während der eigene Nettolohn nicht einmal mehr für einen Campingurlaub an der Ostsee reicht.
>Da kommen Neid und Panik auf, der"Generationenkrieg" wird ausgerufen. Plötzlich ist uns das Jahr 2050 so nah wie das nächste Wochenende. Zeitungen erkennen die neue Mode und stellen"Demografie-Redakteure" ein. Auch die Regierung beugt sich der grassierenden Rentenangst; und weil die Zukunft so wichtig ist, will man sie keinesfalls allein erfinden. Also wurde ein Expertengremium eingeschaltet; gestern tagte die Rürup-Kommission zum letzten Mal. Mehrheitlich beschloss sie eine neue Rentenformel, zudem soll die Lebensarbeitszeit bis 2030 auf 67 Jahre steigen. Beides wird die Renten um 2 Prozentpunkte auf 40 Prozent des durchschnittlichen Bruttolohns schmelzen lassen.
>Angesichts dieser Emotionen, Formeln und Langfristplanungen mag es erstaunlich klingen, aber: Es gibt keine"demografische Katastrophe", für die wir vorsorgen müssten. Das Jahr 2050 wird nicht furchtbarer als das Jahr 2003, denn die Zukunft ist längst Gegenwart. Auch jetzt schon finanziert ein Erwerbstätiger mindestens einen Nichterwerbstätigen. 82,5 Millionen Menschen leben momentan in Deutschland, aber nur 38 Millionen arbeiten als Selbstständige und Angestellte. So weisen es die jüngsten Zahlen des Bundesamts für Statistik aus. Die Nichttätigen sind unter anderem Kinder, Rentner, Studenten, Hausfrauen und Arbeitslose. In dieser Gruppe wird es in den nächsten 50 Jahren zu Verschiebungen kommen. Die Zahl der Rentner wird steigen, dafür wird es kaum noch Arbeitslose und weniger Hausfrauen geben. Aber das sind Marginalien. Volkswirtschaftlich wichtig ist das Grundphänomen: Schon jetzt wird nicht einmal die Hälfte der Bevölkerung gebraucht, um den gesellschaftlichen Reichtum zu erwirtschaften. Wir können uns also die vielen künftigen Rentner locker leisten, wenn dafür andere Gruppen arbeiten, wie Mütter und Erwerbslose, die bisher vom Berufsleben fern gehalten werden.
>Nun wäre es jedoch ein Irrtum, anzunehmen, dass künftig jede Frau in die Produktion abkommandiert würde. Oh nein. Nur 49 Prozent der erwerbsfähigen Frauen werden im Jahr 2030 arbeiten. So hat es Prognos für die Rürup-Kommission geschätzt. Das bedeutet: Auch in 27 Jahren werden in Deutschland immer noch weniger Frauen berufstätig sein als heute schon in Skandinavien. Eine"demografische Katastrophe" sieht anders aus, da wären solche Reservearmeen am Herd nicht mehr denkbar. Auch die Arbeitslosen bleiben vorerst. Prognos nimmt an, dass ihre Quote im Jahr 2020 bei 7 Prozent liegen wird; bis 2030 dürfte sie auf 4,4 Prozent sinken.
>Mit einer Wirtschaftskrise sollten diese Zahlen nicht verwechselt werden. Prognos schätzt, dass das Bruttoinlandsprodukt bis 2030 im Durchschnitt jährlich um 1,7 Prozent wachsen wird. Gleichzeitig soll die Arbeitsproduktivität sogar um 1,8 Prozent pro Jahr steigen.
>Weniger Menschen erwirtschaften also noch mehr Reichtum. Die Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung dürfte bis 2030 von aktuell 24.100 Euro auf 39.400 Euro zunehmen. Wir werden eine unglaublich wohlhabende Gesellschaft sein, sofern kein Krieg dazwischenkommt. An Arbeitskräften wird es kaum mangeln, den Maschinen sei Dank. Um im Bild zu bleiben: Die Mittel werden mühelos dafür reichen, dass sich jeder mehrmals jährlich auf Teneriffa sonnen kann.
>Wo also ist das Problem? Wieso kann eine sinnlose Generationendebatte dermaßen dominieren? Da ist zunächst die Psychologie: Es macht für die Erwerbstätigen einen emotionalen Unterschied, welche Nichterwerbstätigen sie finanzieren - ob es ein anonymer Rentner ist oder die eigene Ehefrau, die zu Hause bleibt, um die Wohnung zu putzen und die gemeinsamen Kinder aufzuziehen.
>Vor allem aber toben reale Verteilungskämpfe - allerdings nicht zwischen Alt und Jung, sondern zwischen Arm und Reich. So ist es zwar eine interessante Information, dass das volkswirtschaftliche Pro-Kopf-Einkommen weiter stark zunehmen wird. Aber das bedeutet eben noch lange nicht, dass jeder real existierende Kopf gleichermaßen profitiert.
>Vom Wachstum hat am meisten, wer Kapital besitzt. Ob dies nun Aktien, Geldvermögen oder Immobilien sind. Diese Eigentümer werden nicht herangezogen, um die zunehmende Rentnerschar zu finanzieren. An der"lohnzentrierten Finanzierungsweise" der Altersbezüge rüttelt die Rürup-Kommission nicht.
>Dieser Trend wird durch ein zweites Phänomen verschärft: Künftig haben wir weniger Arbeitslose und dafür mehr Rentner. Das könnte ein Nullsummenspiel sein - ein Nichterwerbstätiger wird gegen einen anderen getauscht -, aber in der realen deutschen Welt fördert es die Entsolidarisierung. Das hat mit unseren verschiedenen Versicherungssystemen zu tun. Die Arbeitslosenversicherung funktioniert wie eine Risikoversicherung. Alle Angestellten zahlen ein, aber nur eine Minderheit nimmt die Leistungen in Anspruch. Alle Arbeitnehmer unterstützen wenige. Die Rentenversicherung hingegen wird wie eine Kapitallebensversicherung betrachtet und damit auch verglichen. Die Rendite muss langfristig stimmen. Was ich heute einzahle, will ich morgen als Rentner wiederhaben, möglichst mit Zinseszins. Umverteilung ist nicht vorgesehen."Beitragsäquivalenz" heißt das Stichwort, das die Rürup-Kommission vielfach zitiert.
>Wenn man nun die Rentenversicherung isoliert betrachtet, dann sieht es in der Tat so aus, als müssten wenige Junge viele Alte versorgen. Dann ist an eine Rendite nicht mehr zu denken. Also hat die Rürup-Kommission den Rentenbeitrag bei 22 Prozent gedeckelt und die Renten gesenkt.
>Die bizarre Konsequenz: Obwohl die Zahl der Rentner steigt, werden die Lohnnebenkosten sinken, wie die Rürup-Kommission freudig prognostiziert. Denn die Arbeitslosenversicherung kann man ja ab 2020 zusammenstreichen, wenn die Vollbeschäftigung einsetzen soll. Solidarisch wäre, diese freien Mittel in die Rentenkassen umzuschichten, um dort die Altersbezüge der Ärmsten aufzupäppeln. Solidarisch wäre auch, Zinsen und andere Kapitaleinkünfte heranzuziehen, ohne dass dies die Rentenansprüche der Einzahler steigen lässt. Aber beides würde dem herrschenden Renditenprinzip widersprechen.
>Mit der neuen Rentenformel kann bestens leben, wer gut verdient. Dann ist auch weiterhin eine anständige Rente zu erwarten; außerdem fällt es leicht, privat vorzusorgen. Die Verlierer sind jenes Drittel der Gesellschaft, das schon jetzt nicht genug hat, um zu sparen. Das ist keine demografische Katastrophe, sondern eine soziale.
>ULRIKE HERRMANN
>taz Nr. 7140 vom 26.8.2003, Seite 11, 241 Zeilen (Kommentar), ULRIKE HERRMANN,
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zucchero
26.08.2003, 23:49
@ chiquito
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nur ein punkt |
-->Die Lohnnebenkosten ( den AG-Anteil an der Sozialversicherung) senken ist kein Mittel, um die Wettbewerbsfähigkeit im globalen Markt zu stärken. Relevant sind nur die gesamten Lohnkosten! Es gibt nur eine Möglichkeit billiger anzubieten, und die ist Lohnkürzung.
Deflation ahoi!
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rodex
27.08.2003, 09:14
@ zucchero
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Re: ein unglaublicher blödsinn! |
-->> Wenn die Wirtschaft wächst gibt es Arbeitsplätze, die dann von denen besetzt werden können, die heute noch arbeitslos sind. Wo lebt diese Frau? Weiss die nicht, dass Arbeitslosigkeit heute überwiegend eine Frage der Qualität der Arbeitskräfte ist?
Da fragt man sich unweigerlich, wo du denn eigentlich lebst!? Arbeitslosigkeit ist in Deutschland schon lange kein Problem der Unqualifizierten mehr. Dieser Tage studieren ganze Studienjahrgänge in die Arbeitslosigkeit. Klar, für einen Nobelpreisträger läßt sich natürlich immer was finden, es kann aber nicht jeder das Niveau eines Nobelpreisträgers haben.
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Euklid
27.08.2003, 09:49
@ rodex
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Re: ein unglaublicher blödsinn! |
-->Korrekt
Die Frage der Qualifizierung ist ein reines Schutzargument.Das kann man ja gerade daran sehen daß so viele ältere wie Kirschkerne ausgespuckt werden aus dem Arbeitsprozeß.
Und da sind Leute dabei die lange Jahre hochqualifizierte Arbeit geleistet haben und natürlich von ihrem Lohn keine Abschläge in zweistelligen Prozentbereichen hinnehmen wollen.
Es ist keine Frage der Qualifikation sondern eine Frage des Preises und des Profits.
Die besten gehen in der Regel zuerst und verlassen das sinkende Schiff weil sie auch woanders unterkommen oder sich sogar mit Gewinn selbständig machen können.
Die Probleme der Firmen kommen erst noch zu Tage.
Das braucht noch etwas Zeit.
Und daran werden wohl Firmen die bei Entlassungen übertrieben haben gewaltig knappern.
Ich denke immer an den Spruch:Es kommt selten was besseres nach.
Und der wird sich in der näheren Zukunft (2-3 Jahre ) auch als wahr erweisen.
Es kommt nicht mehr viel nach aus dem Bevölkerungsbaum von unten.
Qualifizierte wird man mit der Stecknadel ausmachen müssen.
Spätestens in 5 Jahren wird man vor dem Dilemma stehen und an Personal zurückdenken das man entlassen hat.
Die angedachte Regelung der Abfindungen mit Hilfe eines Gesetzes ist eine durchsichtige Angelegenheit.Da die Firmen gemerkt haben daß mit den Älteren nicht so gut Kirschen essen ist wie mit den jüngeren Arbeitnehmern sollen die Abfindungen niedriger werden damit diese wertvollen älteren Arbeitskräfte zum Bleiben animiert werden da sie dann kleinere Abfindungen erhalten würden die unter Umständen nicht reichen zur Überbrückung bis zur Rente.
Überall wird der Druck aufgebaut.
Die Kungelei funktioniert zwischen Politik und Industrie.
Gruß EUKLID
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dottore
27.08.2003, 14:02
@ rodex
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Re: ein unglaublicher blödsinn! |
-->>> Wenn die Wirtschaft wächst gibt es Arbeitsplätze, die dann von denen besetzt werden können, die heute noch arbeitslos sind. Wo lebt diese Frau? Weiss die nicht, dass Arbeitslosigkeit heute überwiegend eine Frage der Qualität der Arbeitskräfte ist?
>Da fragt man sich unweigerlich, wo du denn eigentlich lebst!? Arbeitslosigkeit ist in Deutschland schon lange kein Problem der Unqualifizierten mehr. Dieser Tage studieren ganze Studienjahrgänge in die Arbeitslosigkeit.
Ja klar, weil sie auf"Angestelltwerden" oder"Beamte" studieren. Da liegt der Hase im Pfeffer.
Das ganze Bildungs- und Ausbildungssystem krankt daran, dass dessen Kunden zwar auf"Fachrichtungen" vorbereitet werden, aber nicht auf das Leben selbst. Frag mal einen Hochschul-"Absolventen" ob er weiß, wie ein Gewerbeschein ausschaut.
Gruß!
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Bob
27.08.2003, 14:14
@ dottore
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Re: Wie sieht ein Gewerbeschein aus? |
-->Die Frage kann Dir Daimler-Schrempp auch nicht beantworten.
gruß
bob
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Masteraffe-sein-Bruder
27.08.2003, 14:18
@ Bob
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Re: Wie sieht ein Gewerbeschein aus? |
-->Nur in Deutschland braucht man so einen bürokratischen Scheiss...
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Bob
27.08.2003, 14:25
@ Masteraffe-sein-Bruder
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Re: Wie sieht ein Gewerbeschein aus? |
-->>Nur in Deutschland braucht man so einen bürokratischen Scheiss...
Früher konnte man mit seiner Bilanz zur Bank gehen und hat Kredit drauf bekommen.
Soviel zum Thema"bürokratischer Scheiss".
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Turon
27.08.2003, 15:38
@ Bob
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Da kann man damit noch viel mehr anstellen |
-->Zum Beispiel bei Metro einkaufen, Großhändler aufsuchen, Rabatte aushandeln
etc.
Es gibt viel an Bürokratie in Deutschland, aber der G-Schein gehört in nicht geringster Weise dazu.
Aber es beweist wieder mal - wie dottore es schon sagte - einige Akademiker haben noch nie einen Gewerbeschein zu Gesicht bekommen (ich lege noch eines
drauf). Wenn ein Akademiker auf die fixe Idee kommt, Staubsauger zu verkaufen,
wird er vergessen einzutragen, daß er auch mit Zubehör handelt.
(Wobei obendrein sollte er seinen Tätigkeitsprofil als Gewerbetreibener
so unbestimmt wie möglich angeben und auch so durchboxen).
Gruß.
P.S.: Auch heute ist es möglich Kredite zu bekommen - auch als Existenzgründer.
Nur: der Antrag auf ERP etc. muß Hand und Fuß haben. Wer in seinen Bussinesplan
aber vergißt miteinzukalkulieren, daß Schulden nun mal zurückzuzahlen sind,
die man macht um eine Firma zu gründen - der kann es gleich vergessen. (Niemand
gibt Jemandem einen Kredit, wenn man von vornherein sieht - die Person hat
nicht die geringste Ahnung von der Materie). Der rest hängt von Willkür ab,
Symphatie und ob der Bänker Dich als dynamische Person sieht und hinter Dir steht. Es ist einfach: wenn man selbst nicht von einer Idee überzeugt ist, kann man Niemandem überzeugen, sich dafür Kredit zu geben.
Und wenn man nicht überzeugt ist, davon was man macht, kann man auch Niemandem
etwas verkaufen.
Gruß
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