-->Der amerikanische Macho-Mann und die kastrierten Euroweenies
Herbert Hasenbein 24.08.2003
Eine politische Analyse aus Kanada empfiehlt den Europäern, die Muskeln zu zeigen und die Visionen der amerikanischen Neokonservativen zu untergraben
Das renommierte kanadische Cato Institute publiziert die Analyse"Mending the U.S-European Rift over Middle East" vom Politologen Leon T. Hadar just zur Zeit, in der Colin Powell, der US Außenminister, beim UN Generalsekretär Kofi A. Annan vorstellig wird und eine Art internationale Hilfe für den Irak anfordert.
Leon T. Hadar tritt der Meinung der US-Hardliner (vgl. Die Machtergreifung der Neocons in Washington) entgegen, wonach die Kontroverse über den Irakkrieg als politisch-kulturelle Auseinandersetzung zwischen Amerikanern und Europäern begriffen wird, und mit den"Neuen Europäern" (Großbritannien, Spanien, Italien und einige osteuropäische Länder) gelöst werden kann.
Robert Kagan, Leiter des US Leadership Project am Carnegie Endowment for International Peace war Initiator oder goss zumindest Ã-l in diese Argumentation, indem er schrieb:"Die Amerikaner sind vom Mars, die Europäer von der Venus: sie stimmen kaum noch überein und verstehen sich immer weniger." Und so schließt Robert Kagan, man solle endlich aufhören vorzugeben, dass Europäer und Amerikaner die Welt unter denselben Augen sehen,"or even that they occupy the same world." Von dem vielschillernden Begriff"occupy" ist es nicht weit zum historischen Vergleich amerikanischer Intellektueller, die sich und Washington mit Rom gleichsetzen und die Europäer in das byzantinische Konstantinopel verbannen.
Dort fröhnen die Euroweenies dem"posthistorischen Paradies" in einer beschränkten Welt mit übernationalen Gesetzen, Verhandlungen und Kooperationen. Ganz anders die Amerikaner. Sie folgen Hobbes und dem Universum der politischen Interessen und Konflikte. Dem Universum, in dem internationales Recht verachtet wird und nur der stärkste, sprich der mit der stärksten Militärmacht, überlebt. Europa ist, so"The Economist" ein"alter Kontinent, ein wundervoller Platz für Reisen, aber schwerlich der Amboss für die Zukunft."
Leon T. Hadar macht die Zeitungen The Weekly Standard, National Review Online und das Wall Street Journal als Sprachrohre zur Verbreitung dieser Ansichten aus. Aus Europäern sind Karikaturen geworden:"the Euros","the Euroids","the peens" oder"Euroweenies". Hinzu kommt Sexismus:"The European is female, impotent, or castrated, who just can`t get it up", beobachtet Timothy Garton Ash von der Hoover Institution in den Texten, und auch dies, dass es amerikanische"EU-nuch"-Hasser gibt.
Die Antwort der Europäer ist vor allem in Frankreich von der Idee des Kampfes zwischen den Kulturen und vor der amerikanischen Gefahr geprägt. Der Brite Harold Pinter spricht von den Vereinigten Staaten als"Moloch, der außer Kontrolle geraten ist."
Was Leon T. Hadar in der Überschrift"The American Macho Man and the Castrated Euroweenies" zusammenfaßt, ist aus seiner Sicht keineswegs ein kultureller Konflikt. Auch die Hoffnung auf die"Neuen Europäer" bleibt ein amerikanisches Missverständnis. Italien und Spanien stehen nicht weniger oder mehr als Deutschland und Frankreich der ökonomischen Liberalisierung gegenüber. Polen und Ungarn orientieren sich in ihrem Verständnis von Kapitalismus an den Vorstellung des Sozialstaates und nicht am amerikanischen Macho. Was den Irakkrieg und den israelisch-palästinensischen Konflikt angeht, dokumentieren viele Befragungen eine gemeinsame europäische Haltung, sogar in Großbritannien, wo die Mehrheit der Bevölkerung den Irakkrieg ablehnt. Auch militärisch sind die"Neuen" keine Vorzeigeobjekte: Italien wendet 1,5, Spanien 1,4 Prozent des Bruttosozialproduktes für die Militärmaschinerie auf, Deutschland auch nur 1,5 Prozent, während Frankreich 2,6 Prozent investiert (Großbritannien 2,4 Prozent).
Tatsächlich geht es um Einflusssphären und ökonomische Interessen."Neokonservative Intellektuelle haben den Krieg gegen den Terrorismus zu einem Kreuzzug umgeformt, um aus dem Mittleren Osten ein amerikanisches demokratisches Empire zu formen", schreibt Leon T. Hadar.
Er hält es für kurzsichtig, dass sich die europäischen Mächte Frankreich und Deutschland nicht engagieren. Wer in Europa befürchte, die US-Politik im Mittleren Osten werde weitere Instabilität erzeugen und den Kampf gegen den Terrorismus nicht befrieden, sondern - wie vorausgesagt - anheizen, vergisst, dass"unter diesen Umständen Europa durch seine geographische Nähe, die engen wirtschaftlichen Beziehungen und die demographischen Verbindungen das erste Opfer der amerikanischen Politik wird". Auch könne es nicht im dauerhaften Interesse der Vereinigten Staaten liegen, den Mittleren Osten zu dominieren und die Europäer auszugrenzen.
Leon T. Hadar verweist auf den internationalen Finanzmarkt."Die USA", so der Historiker Niall Ferguson,"benötigt ausländische Investoren, um die globale Führungsrolle und die militärische Vormachtsstellung zu erhalten". Womit die EU, vornehmlich Frankreich und Deutschland, die Chance haben, ihre"soft power" in"hard power" umzuwandeln. Finanzexperten beobachten seit dem Irakkrieg, dass Gelder aus Saudi Arabien in die EU fließen. Das Kapital wird aus den USA abgezogen, aus Furcht, es könnte dort eingefroren werden. Noch profitieren die Vereinigten Staaten vom Petrodollar und der Tatsache, dass Notenbanken aus Schutz gegen Spekulationen enorme Summen an US Dollar halten. Diese Philosophie ist nicht zementiert, sondern ließe sich zugunsten des Euro ändern.
Auch in militärischer Hinsicht könnten die bisher"leichtgewichtigen Europäer" eine dominierende Rolle spielen. Leon T. Hadar verweist auf die Ablösung der UN-Streitkräfte durch NATO-Verbände im früheren Jugoslawien und empfiehlt eine militärische Friedensmission der EU zwischen Israelis und Palästinensern. Ferner sollten im Irak die US Truppen abgezogen und von europäischen Friedenstruppen abgelöst werden.
Solche Vorstellungen widersprechen zwar den Neocons, die dem US-Militär oder israelischen Streitkräften die Aufgabe von Ordnungskräften im Mittleren Osten zuweisen. Diese seit Bill Clinton vertretene Außenpolitik kann nach dem Einmarsch der Amerikaner im Irak aus Kostengründen nicht ewig durchgehalten werden und ist letztlich zum Scheitern verurteilt. Leon T. Hadar sieht den historischen Vergleich eher zum Wiener Kongress, der zu Lösungen führte, die zuvor undenkbar schienen.
Er appelliert daran, das European Mediterranean Partnership ( EMP) zu aktivieren: 1995 hatten sich in Barcelona 12 Mittelmeeranrainerstaaten verpflichtet, bis 2010 eine Freihandelszone zu schaffen. Dazu gehören Palästina und Israel. Zwei Länder, Zypern und Malta, werden im kommenden Jahr Mitglieder der EU. Die EU stellte 5 Milliarden US Dollar bereit, um die Liberalisierung zu fördern.
Auch traf die EU bereits 1989 Arrangements mit den sechs Staaten des Gulf Cooperation Council. Folglich sitzen nirgendwo sonst Araber und Israelis an einem Tisch. Ferner: im Jahr 2001 exportierten die mediteranen Länder die Hälfte ihrer Produkte in die EU, und zugleich machte der Import von EU Produkten 63 Prozent aller Waren aus. Selbst für Israel ist der Haupthandelspartner die EU und nicht, wie viele vermuten, die USA.
"Mit Hilfe einer Strategie des konstruktiven Engagments im Mittleren Osten könnte die EU versuchen, sowohl diplomatisch wie ökonomisch das zu erreichen, was George W. Bush militärisch durchsetzen will." Dieses Engagement darf sich nicht nur auf den Irak beschränken. Gefragt ist eine Perspektive für den gesamten Mittleren Osten. Das"maligne" Europa hat das Zeug dazu, den Neuen Mittleren Osten zu kreieren und mitzugestalten.
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Die Mitgestaltung von Seiten Europas im Nahen Osten sehe ich nur bedingt, solange die Regeln von den USA gemacht werden. In diesem Zusammenhang ist"amerikanische Truppen raus und Friedenstruppen rein" auch albern, oder nicht?
Im übrigen muß man auch immer schauen, dass der"gemeine Iraki" den"Westen" kaum auseinanderhalten kann. Die ganzen politischen Vorkriegsscharmützel und unterschiedlichen Perspektiven haben sie kaum wahrgenommen, weil die unterschiedlichen Haltungen verschiedener Völker es nicht durch die damalige Pressezensur eines Saddam Hussein und auch nicht durch die heutige nach US-Militär-Doktrin zensierte Medien (good morning vietnam) [img][/img] mitbekommen.
Also muß man davon ausgehen, dass jeder Soldat - egal welches kleine Fläggchen seine Oberarme auf der Uniform ziert - pauschal als Besatzer und Aggressor angesehen würde. Und das ist ja quasi auch gar nicht so falsch. Schließlich würden Internationale Truppen sich ja auch bloß als"Handlanmger" Amerikas verdingen, die Interessen der US-Administration verteidigen und böse Attentäter abschrecken, wobei man nach außen die brave Bevölkerung schützt. Hamid Karzai ist ein gutes Beispiel, genauso wie Mahmud Abbas. Menschen, die ohne großen Rückhalt in der breiten Bevölkerung an die Spitze gesetzt werden (im Falle von Abbas sogar als durch und durch korrupt erkannt sind und gehaßt werden) und das Land dann unter fremder Aegide führen.
Diesen Friedens- und Demokratieblödsinn muß doch mittlerweile sogar jeder Depp als Vernebelungsstrategie erkennen.
Wenn man nicht nur dem Irak, sondern auch anderen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens nicht die Möglichkeit gibt, sich selbst zu bestimmen, wird die gesamte Region ein Brennpunkt bleiben. Dabei ist es egal, ob es sich um parlamentarische Demokratien oder Monarchien oder Gottesstaaten handeln würde. Andersdenkende Kulturen kann man nicht einfach ein"Geschenk der Freiheit" oder ein"Geschenk der Demokratie" überstülpen. Man muß - wenn man so etwas will - es sich immer selbst erarbeiten und unaufhörlich darauf Acht geben.
Und sofern diese Staaten intern von einigen eingesetzten Potentaten und extern von diversen Lobbies durch Unterstützung der US-Administration ermächtigt sind, diese Länder auszubeuten, und das unter diesen Deckmänteln, wird sich nichts ändern, sondern vielmehr eine"Freiheit" und eine"Chance auf Demokratie" immer weiter weg gedrängt.
Und deshalb trifft die verspätete hanebüchene Begründung für den Irak-Krieg auch nicht (nachdem Verbindungen zu Al Qaida oder Massenvernichtugnswaffen de facto nicht vorhanden waren). Weil Veränderungen dieser Art von innen kommen müssen. Aus dem Volk.
winkäää
stocksorcerer
<ul> ~ http://www.heise.de/tp/deutsch/special/irak/15485/1.html</ul>
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