- BW in Kabul: Hauptsache die Mülltrennung klappt/ Wann kommt Dosenpfand in Kabul? - vladtepes, 18.08.2003, 23:09
- siehe auch hier - PATMAN1, 18.08.2003, 23:51
- Re: siehe auch hier - vladtepes, 19.08.2003, 00:20
- 1984 Express bitte einsteigen die Türen schließen automatisch - Loki, 19.08.2003, 01:04
- wahhh falschen Beitrag erwischt gehört unter den JAP Beitrag ;) (owT) - Loki, 19.08.2003, 01:05
- Re: BW in Kabul: Hauptsache die Mülltrennung klappt/ Wann kommt Dosenpfand in Ka - Karl52, 19.08.2003, 06:14
- siehe auch hier - PATMAN1, 18.08.2003, 23:51
BW in Kabul: Hauptsache die Mülltrennung klappt/ Wann kommt Dosenpfand in Kabul?
-->Stempeln in der Etappe
Die größte Bürokratie des Landes trägt Tarnanzug. Das deutsche Militär ist so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass es nur mühsam genug Soldaten für Auslandseinsätze aufbringen kann.
Dutzende Soldaten sitzen unter einem Tarnnetz an Biertischen, während vor ihnen deutsche Wurstschnittchen in der Hitze der afghanischen Sonne welken. Es redet der Verteidigungsminister - über die Gefahr des Einsatzes, über die Bedeutung der Aufgabe, über die Stabilität der Region.
Danach beantwortet Peter Struck, der aus Berlin angereiste oberste Truppenchef, gern auch Fragen. Die des Kameraden da in der Mitte zum Beispiel. Was eigentlich davon zu halten sei, will der Uniformträger wissen, dass die Bundeswehr in Kabul Autos stilllege, nur weil deren Abgassonderuntersuchung abgelaufen sei?
Struck zögert nur kurz:"Wenn ein Auto die ASU nicht erfüllt, dann lasst es trotzdem fahren." Er stutzt und blickt unsicher zu dem Offizier an seiner Seite:"Habe ich da was Falsches gesagt?" Missbilligend sieht der General seinen Dienstherrn an. Vorschriften sind Vorschriften, und Fahren ohne ASU ist eine Ordnungswidrigkeit. Auch in Kabul.
Nun gut, stammelt der Minister, dann würde er doch wenigstens raten,"ernsthaft zu prüfen", ob man das Auto nicht dennoch benutzen dürfe.
Das deutsche Militär im Jahr 2003. In Afghanistan versucht die internationale Gemeinschaft verzweifelt, einen neuen Staat aufzubauen. Die Straßen sind kaputt, Terroristen, Drogenhändler und Warlords beherrschen ein zerstörtes Land. Doch im Hauptquartier der Bundeswehr laufen die Verbrennungsmotoren im Einklang mit den deutschen Abgasnormen. Wenigstens das.
In diesem kleinen Teil Kabuls gelten die deutsche Straßenverkehrsordnung und das deutsche Umweltrecht. Der Abfall wird sauber getrennt - und findet erst außerhalb des Lagers auf der Müllkippe wieder zueinander. Betriebsschutz- und Umweltbeauftragte sowie ein Lebensmittelveterinär sorgen dafür, dass die Vorschriften eingehalten werden und die afghanische Anarchie draußen bleibt. Die Autos müssen zum TÜV, FCKW-haltige Feuerlöschmittel werden entsorgt; nur das Dosenpfand hat es noch nicht nach Zentralasien geschafft.
Der bürokratische Wahnsinn hat Methode - und beeinträchtigt die Einsatzfähigkeit der Bundeswehr. Mit 283 000 Soldaten unterhält Deutschland zwar die größte Armee der Europäischen Union. Doch kaum sind gut 8000 Mann im Ausland, droht Strucks"starker Truppe" (Eigenwerbung) Überlastung.
"Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht überfordern", verkündet der Kanzler voller Fürsorge, die"Grenze der Belastungen" sei erreicht."Mehr geht nicht, weder finanziell noch personell", meint auch der Verteidigungsminister.
Dabei war es Struck, der die im Frühjahr verkündete neue deutsche Wehrdoktrin auf einen griffigen Satz brachte:"Deutschlands Sicherheit wird auch am Hindukusch verteidigt." Wie keine Regierung zuvor hatte die rot-grüne Koalition die Bundeswehr zu immer neuen Einsätzen ins Ausland geschickt: in das Kosovo, nach Mazedonien, nach Dschibuti, Mombasa und Kabul.
Doch die Truppe mag nicht mehr, fühlt sich chronisch zu hart rangenommen. Dabei ergeben 283 000 minus 8000 immer noch einen stolzen Rest von 275 000 Soldaten. Fragt sich also, warum die Armee so überlastet ist, wenn sie nicht einmal drei Prozent ihrer Soldaten im Ausland einsetzt.
Im Berliner Verteidigungsministerium sind Erklärungen rasch zur Hand. So
sind rund 100 000 Uniformierte nicht einsetzbar, da sie entweder ihren Grundwehrdienst leisten - und deswegen nicht ins Ausland dürfen - oder die Rekruten ausbilden und betreuen;
ist die Mehrzahl der 92 000 Angehörigen von Luftwaffe und Marine für die Bodenarbeit bei Friedensmissionen nicht zu gebrauchen;
befinden sich 22 000 Soldaten immer in irgendeiner Ausbildung - an Bundeswehr-Universitäten, an Truppenschulen oder wo auch immer.
Zudem werden für jeden Mann im Einsatz rechnerisch vier weitere daheim gebraucht, denn ein Soldat soll maximal sechs Monate ins Ausland geschickt und nachher möglichst für zwei Jahre geschont werden.
So weit die offizielle Version. Die inoffizielle wird auf den Fluren des Verteidigungsministeriums allenfalls im Flüsterton verbreitet: Die Truppe hat sich in den 48 Jahren ihrer Existenz in eine gigantische Behörde verwandelt, die inzwischen das macht, was Verwaltungen schon immer am besten konnten: sich mit sich selbst zu beschäftigen.
Die Wehrbürokraten in Uniform betreiben Dienst streng nach Vorschrift: Ein eigenes Regelwerk aus Zentralen Dienstvorschriften (ZDv), Technischen Dienstvorschriften (TDv) und Heeresdienstvorschriften (HDv) sorgt dafür, dass jede Eigeninitiative vorschriftsmäßig überflüssig ist. So erklärt die ZDv 10/5 ("Leben in der militärischen Gemeinschaft"), dass der Zapfenstreich der"Zeitpunkt ist, ab dem die Soldaten, die dem Zapfenstreich unterliegen, im Bett zu sein haben".
"Die Papierflut", schimpft Oberst Bernhard Gertz, Chef des Deutschen BundeswehrVerbands,"hat die Truppe überrollt." Ein anderer Offizier pflichtet bei:"Viele Soldaten sind Militärbeamte geworden."
Dabei sind für die Verwaltung der Armee - offiziell zumindest - gar nicht die Soldaten zuständig. Mit zusätzlich 128 000 Zivilisten beschäftigt die Bundeswehr eine gewaltige Hilfstruppe, die von morgens bis abends nichts anderes tut, als in der Etappe zu stempeln, zu lochen und zu heften."Da könnte man die Hälfte rausschmeißen, und keiner würde es merken", sagt ein Verwaltungsexperte.
So beschäftigt allein das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung in Koblenz insgesamt 13 700 Angestellte und Beamte. Die"größte technische Behörde in Deutschland" (Eigenwerbung) ist zuständig für den Ankauf des gesamten Materials der Truppe, vom Tarnanzug bis zur Panzerkette. Zur Koblenzer Wirklichkeit gehört aber auch, dass sich Kampfschwimmer der Bundeswehr ihre Schwimmflossen teilweise selbst kaufen müssen - weil die Beschaffer nicht rechtzeitig liefern.
Auch viele Militärs sind weit davon entfernt, ihre neuen Aufgaben als"Armee im Einsatz" (Struck) erfüllen zu können."Die Einsätze werden verwaltet wie im Frieden", klagt ein General.
Denn die detaillierten Vorschriften über das Leben mit TÜV, Mülltrennung und Lärmschutz gelten für Feldlager in Rajlovac, Prizren oder Kabul, als lägen sie in Munster oder Regensburg. Da offiziell kein Kriegszustand herrscht, regiert die deutsche Friedensbürokratie."Es gibt kein spezielles Einsatzrecht", meint Oberst Gertz."Das ist vielleicht die Frage, die gelöst werden muss."
Es gibt viele solcher Fragen. So braucht die Bundeswehr dringend Spezialisten für ihre Auslandseinsätze. Doch Spezialist wird nur, wer vorher einen entsprechenden Kurs belegt und dabei einen"Ausbildungs- und Tätigkeitsnachweis" erworben hat. Einen kleinen Fortschritt allerdings gibt es zu vermelden: Die Lehrgänge zur Einweisung von Filmvorführern und Feldheizgeräteführern wurden mittlerweile gestrichen.
Die Spezialisierung trägt mit dazu bei, dass die in Deutschland aufgestellten Einheiten für Auslandseinsätze meist nicht geeignet sind. Die Expeditionskorps werden alle halbe Jahr in einer"Operation Heldenklau" aus der gesamten Republik zusammengezogen.
Als Oberst Helmut Harff vor zehn Jahren die Bundeswehr in ihren ersten großen Auslandseinsatz nach Somalia führte, stammte sein 1700 Mann starkes Kontingent aus 163 Standorten in der Heimat. Kürzlich wurde in Bosnien eine Pionierkompanie gesichtet, deren 137 Mitglieder aus 18 verschiedenen Einheiten entsendet wurden. Effizienz sieht anders aus.
Wenn es um komplizierte Strukturen geht, lassen sich die Militärbürokraten von niemandem übertreffen. So sorgt auch die konsequente Trennung der Teilstreitkräfte für dauerhafte Beschäftigung bis in die obersten Etagen der Hierarchie.
Wenn der Generalinspekteur einen eigenen Führungsstab mit 7 Abteilungen und 47 Referaten unterhält, wollen die Kollegen Inspekteure von Heer, Luftwaffe, Marine und Sanitätswesen nur ungern zurückstehen. Also beschäftigt jeder von ihnen einen eigenen Führungsstab - mit weiteren Abteilungen und Referaten.
Und weil das noch nicht reicht, unterhält jede Teilstreitkraft einen Wust von nachgeordneten Dienststellen, die vor allem eines eint: der klangvolle Name. So betreibt die Luftwaffe etwa das Luftwaffenführungsdienstkommando (LwFüDstKdo), das Lufttransportkommando (LTKdo) und das Luftwaffenunterstützungskommando (LwUKdo). Selbst Experten können nur mit Mühe erklären, was sie unterscheidet. Die"irrsinnige Anhäufung von Hierarchiestufen", klagt ein verzweifelter Beamter, folge offenbar der Erkenntnis des britischen Historikers Cyril Parkinson, wonach"alle mit der Verwaltung Beauftragten gezwungen worden sind, sich ständig zu vervielfachen".
Die Kopflastigkeit zeigte sich bislang gegen Reformen resistent. Immerhin befürwortete die Heeresführung bereits vor drei Jahren, ihre aktive Truppe von damals 230 000 auf künftig 170 000 Mann zu verringern. Eine Gruppe allerdings sollte verschont werden: die Generäle. Gefreite hin, Obergefreite her - die Anzahl der rund 110 ranghöchsten Schulterklappenträger sollte"nur geringfügig" abgebaut werden.
<ul> ~ http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,261555,00.html</ul>

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