- Naturwissenschaften: Hätte Faust mal besser die Luftpumpe erfunden - Sascha, 20.08.2003, 10:50
- Re: Naturwissenschaften: Hätte Faust mal besser die Luftpumpe erfunden - Todd, 20.08.2003, 11:20
- Genau das ist der Punkt! - YooBee, 20.08.2003, 12:07
- Re: Genau das ist der Punkt! - Sascha, 20.08.2003, 12:09
- Erfahrungen. - Zardoz, 20.08.2003, 14:39
- Re: Naturwissenschaften: Hätte Faust mal besser die Luftpumpe erfunden - Euklid, 20.08.2003, 12:20
- So etwa sieht es aus. - Zardoz, 20.08.2003, 13:50
- Re: So etwa sieht es aus. - Euklid, 20.08.2003, 14:24
- So etwa sieht es aus. - Zardoz, 20.08.2003, 13:50
- Re: Naturwissenschaften: Hätte Faust mal besser die Luftpumpe erfunden - Aleph, 20.08.2003, 13:22
- Re: Naturwissenschaften: Hätte Faust mal besser die Luftpumpe erfunden - Euklid, 20.08.2003, 14:08
Naturwissenschaften: Hätte Faust mal besser die Luftpumpe erfunden
-->19.08.2003 / 09:18 Uhr
Naturwissenschaften
<font size=5>Hätte Faust mal besser die Luftpumpe erfunden </font>
<font color="#FF0000">Die Bundesrepublik braucht offenbar ein neues Artenschutzabkommen: Naturwissenschaftler und Ingenieure sind vom Aussterben bedroht. Von Wolf Lepenies </font>
(SZ vom 19.08.2003) <font color="#FF0000">Die Bundesrepublik braucht offenbar ein neues Artenschutzabkommen</font>: <font color="#FF0000">Naturwissenschaftler und Ingenieure sind vom Aussterben bedroht</font>.<font color="#FF0000"> In wenigen Jahrzehnten wird man die letzten Exemplare in Museen und Freizeitparks bestaunen</font>. Dann wird Deutschland eine blĂĽhende Landschaft sein, aus der mit Forschern und Technikern auch die Industrie verschwunden ist.
Diese Vision drängt sich auf angesichts der Zahlen, <font color="#FF0000">in denen sich das dramatisch gesunkene Interesse an natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fächern widerspiegelt</font>: <font color="#FF0000">1991 wollten 10.000 Abiturienten Physik studieren, sieben Jahre später waren es nur noch 5000</font>. In diesem Jahr werden 1100 Studenten in Chemie promovieren - ein Viertel weniger als 2002. In drei Jahren werden es zeitweise nur noch 750 sein. In den Ingenieurwissenschaften sieht es nicht anders aus: 12.000 bis 14.000 Absolventen der Elektrotechnik werden in den kommenden Jahren fehlen.
<font color="#FF0000">Laut einer OECD-Studie aus dem Jahre 2000 kommen in Deutschland auf 100.000 Beschäftigte nur 1040 Graduierte aus den Naturwissenschaften, der Informatik und der Mathematik</font>. Der OECD-Durchschnitt liegt bei 1500. <font color="#FF0000">In Frankreich und Japan sind es mehr als 5000</font>. Erinnert man an die <font color="#FF0000">PISA-Studie</font>, die den deutschen Schülern neben einem fehlerhaften Textverständnis vor allem mangelnde Kenntnisse in Mathematik und Naturwissenschaften bescheinigte, <font color="#FF0000">wird deutlich, wie sehr die Zukunftsfähigkeit Deutschlands in Frage steht</font>.
Goethe - ein Katastrophe fĂĽr die deutsche Bildung?
„Technikfeindschaft“ und „Wissenschaftsskepsis“ sind die Vokabeln, die zu hören sind, wenn es um die Ursachen des geringen Interesses an den natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fächern in Deutschland geht. Erstaunlich ist nur, dass diese Debatte an Klagen erinnert, die bereits am Ende des 19. Jahrhunderts angestimmt wurden, als Deutschland weltweit als die führende Wissenschaftsnation galt: Es war im Jahre 1882, als der Physiologe Emil Du Bois-Reymond in einer Berliner Rektoratsrede mit dem tollkühnen Titel „Goethe und kein Ende“ die Überheblichkeit der deutschen Kulturträger gegenüber der Mathematik und den Naturwissenschaften anprangerte.
<font color="#FF0000">„Ich verlange mehr Mathematik“ </font>forderte Du Bois-Reymond, der den Naturwissenschaften auf Kosten des Religionsunterrichts und des Griechischen mehr Raum in den gymnasialen Lehrplänen verschaffen wollte. Der Physiologe, der in der Beschäftigung mit der analytischen Geometrie „einen für das Leben Epoche machenden Lichtblick“ sah, war davon überzeugt, dass die Bildungstradition des deutschen Idealismus in Zukunft nur durch Aufwertung der Naturwissenschaften und der Mathematik lebendig bleiben konnte.
Ein Hauptziel seiner nicht nur in der damaligen Zeit, sondern auch heute noch fast skandalös wirkenden Attacke war Goethe, dessen Abneigung gegen das Experiment und dessen Distanz zur Schulphysik katastrophale Folgen für den deutschen Bildungskanon hätte. Mit seinem „Faust“ habe Goethe den Deutschen ein denkbar schlechtes Vorbild geliefert. Faust, so spottete Du Bois-Reymond, hätte besser daran getan, „statt an Hof zu gehen, ungedecktes Papiergeld auszugeben, und zu den Müttern in die vierte Dimension zu steigen, Gretchen zu heiraten, sein Kind ehrlich zu machen und Elektrisiermaschine und Luftpumpe zu erfinden.“
Was der Rektor der Berliner Universität am Ende des 19. Jahrhunderts verlangte, ist heute Teil der Wirklichkeit. Am Religionsunterricht nehmen, falls es ihn überhaupt noch gibt, immer weniger Schüler teil. Und sogar in großen Städten kann man die Zahl der altsprachlichen Gymnasien an einer Hand abzählen. Die gewonnene Zeit wird von deutschen Schülern aber nicht etwa genutzt, um Elektrisiermaschinen und Luftpumpen zu erfinden. Feierlich rief die Bundesregierung das Jahr 2000 zum „Jahr der Physik“ aus - und musste zugleich einen Physikernotstand beklagen, der sich noch über Jahrzehnte erstrecken wird.
Die Angst der Intellektuellen vor der Technik
Gibt es aber tatsächlich eine typisch deutsche Technikfeindschaft - und eine tief verwurzelte Wissenschaftsskepsis, die aus den Zeiten des deutschen Idealismus herrühren und im 19. Jahrhundert durch die romantische Naturphilosophie verstärkt wurden? Das Misstrauen gegenüber der technisch-wissenschaftlichen Zivilisation galt großen Teilen der deutschen Intelligenz lange Zeit als Anzeichen eines fortschrittlichen Bewusstseins. Weitgehend ist die Geschichte der deutschen Intellektuellen in ihrer Beziehung zu Naturwissenschaften und Technik eine Geschichte der Unkenntnis, gepflegter Vorurteile und ideologischer Übersteigerungen.
<font color="#FF0000">Und dennoch: Die Behauptung einer typisch deutschen Technikfeindschaft und Naturwissenschaftsskepsis ist im Vergleich mit dem ĂĽbrigen Europa empirisch nicht zu belegen</font>. Stellt man die aktuellen Studentenzahlen in den Kontext der Arbeitsmarkt-Statistik, ergibt sich zudem ein paradoxes Bild. Nach Angaben der NĂĽrnberger Bundesanstalt fĂĽr Arbeit <font color="#FF0000">fehlten 2001 in Deutschland 5800 Maschinenbauer - aber 17.500 waren arbeitslos</font>. <font color="#FF0000">4300 Elektroingenieure wurden gebraucht - aber 12.250 suchten eine Anstellung</font>. 650 gesuchten standen 1600 arbeitslose Physiker gegenĂĽber. Im Jahre 2002 gab es 59 Prozent weniger Stellen fĂĽr Journalisten - <font color="#FF0000">aber auch 49 Prozent weniger Positionen fĂĽr Ingenieure und sogar 60 Prozent weniger fĂĽr Informatiker</font>.
Schuld an der paradoxen Gleichzeitigkeit von fehlendem Personal und fehlenden Stellen in vielen naturwissenschaftlichen und technischen Berufen ist eine Haltung, die angesichts des dramatischen demographischen Wandels ausgesprochen kontraproduktiv wirkt. Diese Haltung könnte man auch <font color="#FF0000">„demonstrative Altersskepsis“</font> nennen.
Arbeitsmarktformel: Kompetenz = Ausbildung - Alter
<font color="#FF0000">Der Arbeitsmarkt in den Ingenieur- und Naturwissenschaften ist stark von der Überzeugung beherrscht, ein altersabhängiger Kompetenzverfall sei unvermeidlich und als biologische Konstante nicht korrigierbar</font>. Wolle man innovationsfähig bleiben, müsse man über 45-jährige Naturwissenschaftler und Ingenieure möglichst schnell durch Jüngere ersetzen.
<font color="#FF0000">Die Folgen dieser Haltung sind offenkundig</font>. In der Elektrotechnik sinkt die Arbeitslosigkeit der unter 35jährigen stetig - <font color="#FF0000">bei den über 45jährigen stieg die Arbeitslosigkeit dagegen seit 1985 um 800 Prozent</font>. Ähnliches gilt für die meisten Naturwissenschaften. Die absurde Strategie der Gewerkschaften zur Verkürzung der Lebensarbeitszeit wird durch die Altersskepsis in der Wirtschaft entscheidend gestützt.
<font color="#FF0000">Die Alternsforschung aber hat gezeigt, dass Menschen ihre Innovationsfähigkeit und geistige Mobilität weit später verlieren als die Praktiken des Arbeitsmarktes es nahe legen</font>. Das alternde Deutschland nimmt auch hier eine Sonderrolle ein und schickt seine 50jährigen in die Frührente während in den viel jüngeren USA die Pensionsgrenzen längst aufgehoben sind - und auch im Bereich von Forschung und Entwicklung die Älteren länger arbeiten als je zuvor.
In der Bundesrepublik fehlt es an überzeugenden Programmen und Praktiken des lebenslangen Lernens. Aber selbst wenn diese Praxis sich ändern sollte, bleibt die Tatsache, dass in unserem Land zu wenige junge Menschen sich für Naturwissenschaften und Technik interessieren. <font color="#FF0000">Wie in einem Brennpunkt bündeln sich nun Jahrzehnte alte Versäumnisse der Politik und Gesellschaft</font>.
Deutschland ist ein Einwanderungsland, hat aber kein Einwanderungsgesetz. Eine Politik für Kinder und Familien, die diesen Namen verdiente, gibt es nicht. Frauen wird der Zugang zu Wissenschaft und Forschung erschwert. Alles wird getan, um junge Wissenschaftler ins Ausland zu treiben. <font color="#FF0000">Wir versäumen es, das Innovationspotential der Älteren zu nutzen. Diese Faktoren sind für den Mangel an Natur- und Ingenieurwissenschaftlern verantwortlich - und nicht eine bei den Deutschen angeblich besonders ausgeprägte Technikfeindschaft und Wissenschaftsskepsis</font>.
[b] Quelle: http://www.sueddeutsche.de/jobkarriere/berufstudium/artikel/429/16413/, SĂĽddeutsche Zeitung, 19.08.2003

gesamter Thread: