- Gesellschaft: Generation Thumbie - Sascha, 20.08.2003, 10:53
Gesellschaft: Generation Thumbie
-->19.08.2003 / 09:59 Uhr
Gesellschaft
<font size=5>Generation Thumbie </font>
Von Mutationen und Modifikationen: Die Generation Golf schaut staunend auf die Fingerfertigkeiten der jugendlichen SMS-Schreiber. Von Evelyn Roll
(SZ vom 19.08.2003) — Letzten Sommer noch war ich nur irritiert. Heuer bin ich schon ein wenig neidisch. Ob das längst Mutationen sind? Oder erst Modifikationen? Jedenfalls sehen die Kinder in den Großstädten der Welt plötzlich so ganz anders aus: Bauchnabel frei. Tattoos an den verwirrendsten Stellen. Dazu diese ewige und allgegenwärtige Wasserflasche unterm Arm.
Die schönste Karikatur der letzten Monate - ich habe sie wahrscheinlich im New Yorker gesehen - ging so: Zwei Leute vom Mars betrachten junge Großstadtmenschen, die mit ihren Wasserflaschen in der Hand in die U-Bahn einsteigen, herumstehen oder auf Bänken sitzen. Der eine Marsmensch zeigt auf die Wasserflaschen und sagt: Und damit vermehren sie sich wahrscheinlich.
» Zum Beispiel können sie in diesem unfassbaren Tempo und mit nichts als zwei Daumen ihre SMS eintippen. Ich kann das nicht «
Jedenfalls können diese Kinder tatsächlich beneidenswerte Sachen, die unsereins nicht kann und auch nicht mehr lernen wird: Zum Beispiel können sie in diesem unfassbaren Tempo und mit nichts als zwei Daumen ihre SMS eintippen. Ich kann das nicht. Jedenfalls nicht annähernd so schnell. Nicht mit einer Flasche Wasser unterm Arm. Ich muss immer erst recherchieren, ob ich zwei- oder dreimal auf die Taste mit der"4" drücken muss, um ein lächerliches"i" zu erzeugen.
Meine Daumen sind - obwohl ich immer noch artig Klavier und Gitarre übe - vergleichsweise unbeweglich, tumb, wie man in diesem Zusammenhang wahrscheinlich schreiben würde, wenn man sich noch auf den Sprachwitz der jungen Leser verlassen könnte.
Jedenfalls habe ich mir aus Gründen der Gleichberechtigung und zur Aufrechterhaltung der Kommunikation mit der nächsten Generation längst und für unfassbar viel Geld einen Communicator zugelegt. Das ist ein etwas plumpes, mobiles Telefon, bei dem man Texte, Faxe, SMS und ganze SZ-Kolumnen über eine normale, wenn auch mühselig winzige Tastatur eingeben, versenden und sich auch ins Internet einwählen kann, bitte sehr.
Sadie Plant, das ist die Autorin des digitalfeministischen Buches"nullen+einsen", hat für ihr Cybernetic Culture Research Institut an der Warwick Universität sechs Monate lang in London, Tokio, Chicago und Berlin die Daumen von jungen Menschen aus der Generation Gameboy untersucht.
Dann hat sie sie mit den Daumen der Generation Golf und noch älterer Menschen verglichen: Bei uns Alten (Ausnahme: Effenberg) ist immer noch der Zeigefinger der rechten Hand der beweglichste, kräftigste und geschickteste aller Finger. Bei den Kindern aber sind es - Nintendo und Nokia sei Dank - die Daumen, die mittlerweile zu den beweglichsten, kräftigsten und geschicktesten Fingern geworden sind.
Weltweite Modifikation
Die Daumen werden deswegen bei den jungen Großstädtern der Welt inzwischen auch schon so eingesetzt, wie früher und bei uns Alten immer noch der rechte Zeigefinger, was mindestens für eine weltweite Modifikation spricht. Wenn diese neuen Menschenkinder einem anderen etwas zeigen wollen, dann tun sie das nicht mehr mit dem Zeigefinger, sondern mit dem Daumen. Und sogar Nase bohren geht plötzlich weltweit nur noch mit Daumen.
Und das schlimmste ist: Wenn sie 24 geworden sind, wird einer von ihnen sich hinsetzen und das Buch"Generation Thumbie" schreiben. Wahrscheinlich wird er es in unfassbarer Geschwindigkeit mit den Daumen in ein Funktelefon eingeben. Das Buch wird natürlich sofort in achtundzwanzig Sprachen übersetzt und ein Riesenerfolg. Und das Thumbie wird Multimillionär.
Wir Älteren, Zeigefingerlastigen, schauen inzwischen weiter neidisch auf Bauchnäbel und Wasserflaschen, mit denen sie sich wahrscheinlich eines Tages tatsächlich vermehren. Und dann tippen wir immer noch wie im letzten Jahrtausend in altmodische Kommunikationsmaschinen unsere verzweifelten, esoterischen, bitteren, womöglich auch noch lateinkundigen Sätze, die kein Thumbie mehr versteht.
Zum Beispiel: So haben wir uns die Digitalisierung nicht vorgestellt.
[b] Quelle: http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/434/16418/, Süddeutsche Zeitung, 19.08.2003

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