- Stimmt das so? (sehr interessanter Artikel mit großem Wahrheitsgehalt, Zeit) - Sascha, 21.08.2003, 20:32
- Re: Stimmt das so? (sehr interessanter Artikel mit großem Wahrheitsgehalt, Zeit) - YIHI, 21.08.2003, 20:42
- Re: Stimmt das so? (sehr interessanter Artikel mit großem Wahrheitsgehalt, Zeit) - YIHI, 21.08.2003, 20:44
Stimmt das so? (sehr interessanter Artikel mit großem Wahrheitsgehalt, Zeit)
--><font size=5>Stimmt das so? </font>
Eltern reden mit ihren Kindern über alles - nur nicht über Geld. Das kommt uns alle teuer zu stehen
Von Marc Brost und Marcus Rohwetter
In guten Jahren bringt Wolfgang Mahler* Millionen nach Hause. Siebenstellig, sagt er, ist sein Einkommen, wenn die Firma große Geschäfte gemacht hat. Die Firma, das ist ein mittelständischer Bauzulieferer aus Süddeutschland, 350 Mitarbeiter, mehr als 100 Millionen Euro Umsatz. Seit zehn Jahren leitet Mahler das Unternehmen, er hat auch die schlechten Zeiten erlebt, als die Aufträge ausblieben. Damals hatte der Chef keine Millionen. Nur Schulden. Geblieben aber ist ihm bis heute ein Problem: Über seine finanzielle Lage kann Mahler zu Hause mit den Kindern nicht reden. »Ich mache nur Andeutungen«, sagt er. »Sage ich ihnen, dass wir Schulden haben, würde sie das nur belasten. Sage ich, wie viel ich genau verdiene, erzählen sie es ihren Freunden, die erzählen es den Eltern, und dann weiß es bald die ganze Stadt.«
Wolfgang Mahler hat sich hochgearbeitet. Damals, am Ende des Kriegs, flüchteten seine Eltern aus dem Sudetenland, und als sie im Westen ankamen, war ihnen fast nichts geblieben. Damals, erzählt Mahler, wurde häufig vom Sparen gesprochen und noch häufiger von materiellem Wohlstand geträumt. Geld war wichtig. Denn Geld versprach den Vertriebenen gesellschaftliche Akzeptanz. Mahler hat drei Kinder: Der Sohn ist 17, die Töchter sind 12 und 16 Jahre alt. »Natürlich ist es wichtig, mit ihnen über Geld zu sprechen«, sagt der Vater. Aber wie?
Im Februar 2003 veröffentlichte die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen spektakuläre Testergebnisse. Die Verbraucherschützer hatten 28 Banken und Sparkassen geprüft, und was sie herausfanden, bestätigte die schlimmsten Befürchtungen. <font color="#FF0000">»Viele Banken und Sparkassen fördern die Verschuldung junger Leute«</font>, hieß es. <font color="#FF0000">Gerade Berufsanfängern wurden viel zu hohe Kredite gewährt</font>. <font color="#FF0000">Durchschnittlich 12500 Euro verliehen die Geldhäuser - und das an junge Menschen, die nur 1300 Euro im Monat verdienten und gerade mal ein Vermögen von 2000 Euro auf dem Sparbuch hatten</font>. Warum die jungen Kunden so viel Geld brauchten, ist klar: <font color="#FF0000">Es ging um das erste eigene Auto, um einen Schrank und ein Bett und einen Tisch für die erste eigene Wohnung</font>. Natürlich mögen die Kredite unverhältnismäßig hoch gewesen sein, und wegen der hohen Raten waren die Berufsanfänger auch unverhältnismäßig stark belastet. Warum aber regten sich die Verbraucherschützer so auf? Immerhin waren die Bankkunden zwar jung, aber keine kleinen Kinder mehr. Sie waren volljährig.
Vor allzu viel Wehklagen hat der Gesetzgeber eine Zahl gesetzt: 18. Ab 18 darf man wählen, Auto fahren und einen Vertrag unterschreiben, ohne vorher die Eltern zu fragen. Und: <font color="#FF0000">Man darf sich verschulden. Wer 18 ist, gilt als erwachsen - und Erwachsene sollten in der Lage sein, selbst zu beurteilen, ob das, was sie tun, auch richtig ist</font>.
<font color="#FF0000">Wenn junge Erwachsene offensichtlich nicht mit Geld umgehen können - und nichts anderes hatten die Verbraucherschützer herausgefunden -, dann zeigt das vor allem, dass ihre Eltern etwas falsch machen. Dass diese Eltern ihrer Verantwortung nicht nachkommen. Und dass sie ihre Kinder falsch aufs Leben vorbereiten</font>.
Bloß keine Schwäche zeigen. Weil Geld ein Tabuthema ist, können wir uns gegenseitig nicht helfen. Über Geld spricht man nicht einmal in der Familie: Nur die wenigsten wissen, was ihre Eltern genau verdienen oder wie deren Vermögen aufgebaut und angelegt ist. <font color="#FF0000">Auch auf Partys ist der Umgang mit Geld - anders als Autos, Fußball und Urlaub - kein Thema</font>. Es sei denn, man kokettiert mit Börsenverlusten. Aber die Details der Lebensversicherung? Oder des Bausparvertrags?
<font color="#FF0000">Den meisten Menschen ist es unangenehm, zugeben zu müssen, von Geld keine Ahnung zu haben. Niemand gibt gerne zu, seine Finanzen nicht im Griff zu haben</font>. Gerade bei Geld wollen die Menschen schließlich einen bestimmten gesellschaftlichen Status verkörpern. Über Geld spricht man nicht, Geld hat man - und alle sollen sehen, dass man mit Geld umgehen kann, weil man aus wenig Geld viel gemacht hat. Am besten so viel, dass man selbst Börsenverluste locker wegstecken kann. <font color="#FF0000">Allerdings: Bei den meisten bleibt diese Rolle doch nur eine Wunschvorstellung. Instinktiv merken wir, dass wir beim Umgang mit Geld versagen. Das offen auszusprechen, wagen wir nicht</font>.
Stattdessen albern wir herum. »Im Rechnen war ich immer schon schlecht«, sagen wir dann. Oder: »Das Abi habe ich nur deshalb geschafft, weil ich in Mathe so viel abschreiben konnte.« <font color="#FF0000">Und darauf sind wir auch noch stolz</font>. Glaubt man diesen Geschichten, dann muss das schlimmste Schulfach Mathematik gewesen sein. Dass der Umgang mit Geld zwar einiges mit Rechnen, aber viel mehr noch mit Kritikfähigkeit und Selbstständigkeit zu tun hat, merken wir nicht.
Doch genau an dieser empfindlichen Stelle setzt die Taktik der so genannten Strukturvertriebe an. Die professionellen Finanzvermittler besuchen uns zu Hause, sie setzen sich in unser Wohnzimmer, und sie machen uns allen Ernstes weis, binnen einer Stunde unsere Finanzen so zu durchleuchten, dass wir nur noch diese Versicherung brauchen oder jenen Investmentfonds, dann sei alles schon optimal organisiert.
<font color="#FF0000">Rechnen? Muss man nicht können</font>.
<font color="#FF0000">Sich Gedanken machen? Braucht man nicht, das macht ja der Vermittler</font>.
<font color="#FF0000">Durchblicken? Ist auch nicht nötig, ein paar Unterschriften sind viel wichtiger</font>.
Der Vertriebsprofi im Wohnzimmer stellt keine unangenehmen Fragen, die wir sowieso nicht beantworten wollen. Dass wir in den meisten Fällen dann alles andere als optimal organisierte Finanzen haben, ist eben Pech.
Falsch.
<font color="#FF0000">Pech ist es, wenn man vom Umgang mit Geld keine Ahnung hat. Pech ist es erst recht, wenn man vom Umgang mit Geld deswegen keine Ahnung hat, weil zu Hause nie über Geld gesprochen wurde. Pech ist es jedoch nicht, wenn genau das auf die meisten Deutschen zutrifft. Das ist dramatisch</font>.
Methoden von gestern. Es ist nun nicht so, dass der alltägliche Umgang mit Geld in den Familien überhaupt keine Rolle spielt. Im Gegenteil: Viele Eltern nehmen ihre Kinder zum Einkaufen mit oder schicken sie allein zum Bäcker, damit sie lernen, dass ein Brötchen für 15 Cent günstig ist und ein halbes Pfund Butter für zwei Euro teuer.
Aber niemand schickt sein Kind auf die Bank zum Geldanlegen, niemand bringt ihm bei, wie man sich richtig versichert. »Da Geld in vielen Familien ein Tabuthema ist, fehlen häufig die Offenheit und Bereitschaft, <font color="#FF0000">die Familienfinanzen auf den Tisch zu legen und das Haushaltsbudget zu diskutieren</font>«, sagt die Münchner Haushaltswissenschaftlerin Tatjana Rosendorfer.
Häufig wollten die Eltern eben nicht, dass der Sohn oder die Tochter »finanzielle Interna der Familie bei Freunden ausplaudert«. Für Deutsche undenkbar: <font color="#FF0000">In Schweden darf jeder bei den Steuerbehörden das Gehalt des Nachbarn erfragen</font>.
So funktioniert die Gelderziehung in Deutschland nach einem simplen Muster. Entweder wird gar nicht über Geld gesprochen - weil ja genug da ist. Oder es wird über Geld gesprochen - weil es an allen Ecken fehlt. <font color="#FF0000">Immer aber geht es um bohrende Kinderfragen und um Konsum</font>. Warum gibt es kein Geld für ein neues Fahrrad? Warum haben die Schulfreunde viel mehr Computerspiele und immer die neuesten Fußballschuhe? <font color="#FF0000">Warum tragen nur die anderen teure Jeans von Calvin Klein? Wenn die Eltern genug Geld haben, ersparen sie sich die Antworten und kaufen sich frei - sie kaufen die Schuhe, die Computerspiele, die Jeans</font>.
<font color="#FF0000">Wenn die Eltern wenig Geld haben, haben sie zwei Möglichkeiten. Entweder scheuen sie die Erziehung - genauer: den Konflikt mit den Kindern - und verzichten lieber selbst, anstatt ihrem Nachwuchs beizubringen, wie der Umgang mit Geld funktioniert</font>[Eigener Kommentar: Leider passiert genau das heute sehr häufig. Eltern verzichten teils auf ihren eigenen Urlaub nur damit mit 18 ein klines Auto gekauft werden kann oder verzichten auf ihren eigenen Urlaub]. Oder sie sprechen mit den Kindern. Ausgerechnet in Familien mit wenig Geld wird häufiger über Geld geredet. Weil die Eltern viel häufiger erklären müssen, warum schon wieder kein Geld für neue Schuhe, Jeans oder Computerspiele da ist.
Vielfach ist die Gelderziehung von den Werten geprägt, die die heutigen Eltern selbst einmal von ihren Eltern vermittelt bekommen haben. Dann bekommen die Kinder gesagt, dass sie morgens nicht so viel Butter auf ihr Brötchen schmieren sollen, weil Butter teuer ist, und dass auch eine Scheibe Wurst reicht und nicht zwei davon auf eine Brötchenhälfte müssen. Sie bekommen zur Konfirmation einen Bausparvertrag geschenkt oder ein Sparbuch, weil auch die Eltern einen Bausparvertrag hatten oder ein Sparbuch. Dass die Eltern im Grunde nie verstanden haben, wie der Bausparvertrag funktioniert, darüber wird nicht wirklich nachgedacht. Im Unterschied zu früher gelten heute nur ganz andere Regeln: Finanzielle Kenntnisse sind kein Luxus mehr, sondern überlebenswichtig. Wenn sich das gesellschaftliche Umfeld ändert und Eigenverantwortung zählt, dürfen Eltern ihre Kinder nicht mit den Methoden von gestern erziehen.
Beim Thema Finanzen drücken sich die meisten Eltern davor, konkret zu werden. Das Taschengeld mag da die Ausnahme sein, schließlich wird am Abendbrottisch noch um jeden Cent gefeilscht, den der Sohn oder die Tochter mehr haben will. Ansonsten werden die Kinder mit Banalitäten abgespeist: Gib nicht alles auf einmal aus, telefonier nicht so viel, eine Kugel Eis reicht, muss der teure Urlaub wirklich sein? Dabei geht es beim Umgang mit Geld um viel mehr: Es geht darum, welche Fragen man dem Bankberater stellen muss. Wie man reagiert, wenn ein Freund einen tollen Anlagetipp hat. Wie man die Steuererklärung macht. Und was es heißt, einen Kredit nicht nur zu bekommen, sondern ihn auch wieder zurückzahlen zu müssen.
<font color="#FF0000">Deutschlands Teenager haben heute mehr Geld als jede Generation vor ihnen. Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft verfügen sie über eine jährliche Kaufkraft von 7,5 Milliarden Euro. Allein 2,3 Milliarden Euro macht dabei das Taschengeld der Eltern aus. Deutschlands Teenager sind so reich wie nie - und so überfordert wie nie</font>.
Die Revolution findet nicht statt. Immer mehr junge Menschen können heute nicht kochen. Sie können keinen Fisch ausnehmen, kein Salat-Dressing anrühren, nicht einmal die Tomatensauce für die Nudeln würden sie hinbekommen - und deshalb lassen sie es gleich bleiben. Wozu auch? Es gibt ja Fertigkost. So haben sie es zu Hause gelernt: Packung aus der Tiefkühltruhe nehmen, aufreißen, Inhalt in die Mikrowelle, ein paar Minuten warten, fertig. Wer dagegen gern kocht, sich Freunde einlädt und dann gemeinsam Gemüse schnippelt, hat es in der Regel zu Hause ebenfalls nicht anders gesehen. <font color="#FF0000">Mit anderen Worten: Vieles von dem, was wir wissen und können, haben wir uns bei unseren Eltern abgeschaut</font>.
Beim Thema Geld funktioniert das nur zum Teil. Irgendwann fragen die Kinder zum Beispiel, warum das Geld aus dem Automaten an der Hauswand kommt und wer es dort hineinsteckt. <font color="#FF0000">Und irgendwann verstehen sie auch, dass die Eltern erst Geld verdienen müssen, damit aus dem Automaten bunte Scheine kommen</font>. Dass zum Umgang mit Geld aber weit mehr gehört, als nur Geld zu verdienen und es auszugeben, erfahren diese Kinder nicht. Weil es sich um abstrakte Dinge handelt, die sie nicht mit eigenen Augen sehen und deshalb auch nicht nachahmen können. <font color="#FF0000">Welches Kind kommt schon auf die Idee, seine Eltern zu fragen, wovon sie im Alter wohl leben werden? </font>So werden die Kinder von heute die finanziellen Analphabeten von morgen sein. Weil ihre Eltern nicht verstanden haben, <font color="#FF0000">dass finanzielle Bildung aktiv vermittelt werden muss</font>.
Bei anderen unangenehmen Themen funktioniert es ja auch. Wenn es um die sexuelle Aufklärung des eigenen Kindes geht, zerbrechen sich die meisten Eltern schon früh den Kopf: Was sag ich ihm? Wie sag ich’s ihm? Es ist das Verdienst der sexuellen Revolution, dass in den Familien heute viel offener als früher über Verhütung und Schwangerschaft gesprochen wird. <font color="#FF0000">Die finanzielle Revolution dagegen ist bislang ausgeblieben</font>.
Die verlorene Generation. Es gab einmal eine Generation, die sich gegen alles auflehnte, was für sie »das System« verkörperte: die 68er. Sie protestierten gegen das Establishment und den Muff unter den Talaren, sie demonstrierten gegen alte Erziehungsmethoden in der Familie und alte Nazis an der Spitze der Gesellschaft, sie rebellierten gegen alles Bürgerliche, Spießige. Und das war auch gut so.
Weniger gut war, dass die 68er zwar gegen den Staat auf die Straße gingen, es sich über die Jahre hinweg aber dann sehr bequem machten in der kuscheligen Umgebung, die ihnen dieser Staat bot. Die 68er begehrten gegen alles und jeden auf - bloß nicht gegen das soziale Sicherungssystem. Das versprach ja auch dicke Renten. Heute, da die ersten 68er in Ruhestand gehen, profitieren sie davon, ihre Rente ist sicher. Die ihrer Kinder ist es nicht.
Die 68er haben ignoriert, dass arbeitende Frauen weniger Kinder bekommen. Und dass Kindermangel das traditionelle Umlageverfahren der Rentenversicherung zum Kippen bringt. Sie haben nicht bedacht, dass man ein gesetzliches Rentensystem auch grundlegend reformieren kann, anstatt immer nur an der Rentenformel herumzubasteln. Und sie haben dabei versagt, ihre Kinder auf eine Welt vorzubereiten, in der Eigenverantwortung alles und staatlicher Schutz fast nichts bedeutet.
<font color="#FF0000">Mehr als zwölf Billionen Dollar haben sich an den Weltbörsen in Luft aufgelöst, allein in Deutschland haben Anleger mehr als eine Billion Euro verloren</font>. Der Absturz der Aktienmärkte hat nicht nur den Mythos beseitigt, an der Börse könnten ganz viele ganz schnell ganz reich werden. <font color="#FF0000">Er hat auch dafür gesorgt, dass die Kinder der 68er auf riesigen Schulden sitzen. Die Generation Golf darf froh sein, wenn sie sich einen gebrauchten Opel leisten kann</font>.
* Ende August erscheint von Marc Brost und Marcus Rohwetter das Buch: »Das große Unvermögen. Warum wir beim Reichwerden immer wieder scheitern«. Mit einem Vorwort von Helmut Schmidt; Wiley-VCH, Weinheim; 220 S., 19,90 Euro
* Hören Sie die ZEIT! Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Internet unter http://hoeren.zeit.de
(c) DIE ZEIT 21.08.2003 Nr.35
Quelle: http://www.zeit.de/2003/35/Titel_2fGeld_35

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