- Lichterlöschen an der Wall Street - chiron, 22.08.2003, 11:23
- Guter Artikel! - YooBee, 22.08.2003, 13:35
- €URO-UMSTELLUNG könnte lebensbedrohende Folgen haben (owT) - Emerald, 22.08.2003, 13:50
- Guter Artikel! - YooBee, 22.08.2003, 13:35
Lichterlöschen an der Wall Street
-->Lichterlöschen an der Wall Street
Als in vielen Städten der amerikanischen Ostküste letzte Woche die Lichter ausgingen, musste die Grossmacht für den Spott nicht sorgen, umso mehr als auch Experten bescheinigen, dass sich das Stromnetz auf dem Stand eines Entwicklungslandes befindet. Die Ereignisse mehren sich, welche unser Bild der USA ins Wanken bringen. Nach dem 11.09., welche uns das Versagen des CIA vor Augen führte, folgte ein Beispiel nach dem anderen. Ob das hausgemachte Anthrax, der Zusammenbruch des Energieriesen Enron und deren freundschaftliche Verbindungen zum Weissen Haus, die Entlarvung der Uran-Lüge, das Aufbauschen der Massenvernichtungswaffen im Iraq, Bilanzmanipulationen der Grossunternehmen, die Liste liesse sich beliebig verlängern. Die USA scheinen ihre Vorbildfunktion, welche sie jahrzehntelang inne hatten, verloren zu haben. Was ist nur mit diesem Land passiert, welches gegen aussen Stärke demonstriert und dessen Innenhof dem Zerfall überlässt?
Dass auch wirtschaftlich nicht alles zum Besten bestellt ist, obwohl uns die Finanzmedien immer wieder und bis heute erfolgreich vom Gegenteil überzeugen wollen, ist allein schon am ständig wachsenden Handelsbilanzdefizit abzulesen. Während die Staatsverschuldung immer groteskere Formen annimmt, verteilt Bush Steuergeschenke an die Reichen und lenkt Bundeslasten an die einzelnen Staaten um, mit verheerenden Folgen. Nach Berechnungen des Washingtoner Cato-Instituts gibt die US-Bundesregierung heute 13.5 Prozent mehr aus als noch vor drei Jahren. Nach den gängigen Prognosen wird der Präsident über die kommenden zehn Jahre vier Billionen Dollar Defizite anhäufen. Der rote George, titelte denn auch spöttisch der Londoner Economist. Mehrkosten im Iraq dürften selbstverständlich noch nicht berücksichtigt worden sein.
Im heute vollends bankrotten Bundesstaat Kalifornien aspiriert derweil Arnold Schwarzenegger für den Gouverneurs-Posten und will die Finanzen wieder ins Lot zu bringen, unterstützt von einem der reichsten Männer der Welt, dem Finanzguru Warren Buffet. Der Sonnenstaat am Pazifik hält zwar den Rekord des grössten Haushaltslochs, doch im Prinzip sieht es in grossen Teilen des Landes ähnlich aus. „Die Haushaltslage in den Staaten sieht schlimm aus“, sagt Nicholas Johnson, Steuerexperte am Center on Budget an Policy Priorities in Washington, „und 2004 werden die Löcher noch mal sehr viel grösser werden.“
Wie verzweifelt die Lage inzwischen sein muss, kann man an folgenden Beispielen ablesen: Millionen ärmerer Amerikaner haben ihren Anspruch auf Arznei-Beihilfen verloren, in Oregon wird das Schuljahr kürzer. In Oklahoma fahren Lehrer jetzt selbst die Schulbusse, in Ohio verlieren schätzungsweise 17000 Familien das Kindergeld. In Alaska sind höhere Abgaben für Schneeketten fällig, in Florida kostet die Inspektion von Wohnwagen extra, in Ohio fallen seit Monatsbeginn Verkaufssteuern auf Maniküre, Massagen und Tätowierungen an. In den Gemeinden schliessen Feuerwehrhäuser, die Müllabfuhr kommt seltener, und an vielen Orten wird die Grundsteuer angehoben.
Trotzdem halten die asiatischen und europäischen Konsumenten den amerikanischen Produkten die Stange. Nike, Reebock, Scott, Calvin Klein und wie sie alle heissen, dominieren nach wie vor unsere Kleiderschränke, diesem Umstand haben auch die Anti-Kriegs-Demonstrationen keinen Abbruch getan. Dabei wird keines dieser Produkte in den USA hergestellt. Wir haben den American Way of Life vermutlich mehr verinnerlicht, als es uns bewusst ist und das drückt sich auch bei unseren Investitionen aus.
Während DAX, SMI und CAC in den letzten Jahren regelmässig neue Tiefststände testeten, kamen Dow Jones und SPX jeweils mit einem blauen Auge davon. Noch krasser ist das Missverhältnis an der Nasdaq. Die dort kotierten Unternehmen weisen bis heute im Durchschnitt keinen Gewinn aus, trotzdem erfreuen sich diese Unternehmen, allen voran Amazon, Ebay und Yahoo wieder grosser Popularität. Mit wirtschaftlichen Faktoren ist dies nicht zu begründen. Auch die amerikanischen Unternehmer trauen dieser Erholung nicht. Einem Bericht des Wall Street Journal zufolge nützen Vorstände und leitende Angestellte derzeit die gute Kurslage und verkaufen Aktien ihrer eigenen Unternehmen in grossem Stil. Auf einen Dollar Kaufaufträge kommen 32 Dollar Verkaufsaufträge, schreibt die Zeitung. Das Verhältnis von 32 zu 1 ist so hoch wie seit zwei Jahren nicht mehr. Bei den Technologieunternehmen beträgt das Verhältnis gar 150 zu 1 Dollar. Dies sei ein sehr beunruhigendes Zeichen, meinen Experten: Immerhin besitzen die Manager - was ihre eigenen Unternehmen betrifft - doch zumeist Informationen, die Aussenstehenden oft nur schwer zugänglich sind. Kein Wunder, dass Reiche immer reicher werden und der Mittelstand langsam aber sicher verschwindet. Das tragische daran ist, dass der Mittelstand sich freiwillig in diese Situation begibt. Nur scheint das Volk der Kleinanleger dies gerne zu ignorieren und spekuliert fröhlich weiter, in der Hoffnung auf diesem Weg arbeitsloses Vermögen zu generieren.
Die amerikanische Verschuldungsorgie treibt immer neue Blüten und übertrifft in ihrer Gesamtheit alles, was die Welt bisher gesehen hat. Trotzdem scheint der Glauben an die Potenz der amerikanischen Wirtschaft ungebrochen zu sein. Dabei waren die Vereinigten Staaten noch nie so abhängig vom Ausland, wie gerade jetzt. Washington ist sich diesem Umstand sehr wohl bewusst und versucht ihn aufrecht zu halten, in dem es sich die Hoheit über die Devisen in fremden Ländern sichert. So lange das Oel und andere Rohstoffe in US$ abgerechnet werden, kann Bush sich auch weiterhin um die Staatsverschuldung foutieren.
Es kann also nicht überraschen, dass die Amerikaner als eine der ersten Amtshandlungen den US$ im Iraq einführten, nachdem Saddam Hussein erst vor kurzem die Oelrechnungen auf Euro umstellte. Dem Umstand, dass sich die Amerikaner mehr als Besatzer, denn als Befreier im Iraq breit machen, ist vielen Ländern ein Dorn im Auge. Die Chinesen sind genauso Oelimporteure wie die USA und auch die Russen werden sich kaum freiwillig aus dem Machtmonopoly vor ihrer Haustüre verabschieden. Schon allein aus diesem Grund ist nicht zu erwarten, dass die USA sich erfolgreich langfristig der Oelquellen bemächtigen werden. Im Gegenteil, dies ist der Sumpf, in dem radikale Gruppierungen ständig neuen Zulauf erhalten und Geheimdienste ihr Unwesen treiben mit traurigen Konsequenzen für die Bevölkerung.
Es läuft alles darauf hinaus, dass in diesem „Spiel der Mächtigen“ die Völker die Rechnung bezahlen werden. Der Wohlstand der Bürger der westlichen Länder ist - mit Konsumkrediten behaftet und mit börsenabhängigen Guthaben (Pensionskassen) „abgesichert" - auf Kante genäht.
Im Gegensatz zu Japan, deren Bürger ihre Sparstrümpfe stopfen, sieht die Lage in Europa und den USA schlimmer denn je aus. Am 29. Juli veröffentlichte die Bank von England schockierende Zahlen. Die Neuverschuldung der britischen Haushalte war im Juni, trotz düsterer Wirtschaftslage, um 10 Mrd. Pfund angestiegen, so stark wie nie zuvor. Wobei sich die Konsumkredite um 2.2 Mrd. Pfund und die Hypothekenschulden um 7.8 Mrd. Pfund erhöhten, ein historischer Rekord. Der durchschnittliche britische Haushalt hat nun Schulden in Höhe von 45000 Pfund, das sind 130 Prozent des verfügbaren Jahreseinkommens. In den USA sieht die Situation auch nicht besser aus. Allein in den letzten zwölf Monaten kam es zu 1.6 Millionen Privatkonkursen, eine Zahl, die in der Geschichte noch nie erreicht worden war.
Dass Alan Greenspan bei dieser Verschuldungseuphorie, die er selber erst möglich gemacht hat, nicht mehr ein noch aus weiss, kann nicht verwundern. Deflation und steigende Zinsen sind die Geister, die er gerne zum Verschwinden bringen möchte.
Wie lange nun die Aktienmärkte diese Zustände ignorieren, kann man nicht vorherzusagen. Aber ohne Engagements an den Finanzmärkten und mit ein paar Goldmünzen unter dem Kopfkissen schläft es sich in den kommenden Monaten bestimmt ruhiger.
<ul> ~ http://www.zeitenwende.ch</ul>

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