- Akademiker oder Fachkräfte: Wer wird geheurt, wer gefeuert? - Sascha, 22.08.2003, 17:11
Akademiker oder Fachkräfte: Wer wird geheurt, wer gefeuert?
-->AKADEMIKER ODER FACHKRÄFTE
<font size=5>Wer wird geheuert, wer gefeuert?</font>
Ein Studium ist die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit, sagen Bildungspolitiker. <font color="#FF0000">Stimmt nicht, sagt Charlotte Lauer</font>. Ihre Untersuchung beweist: Eine praxisnahe Ausbildung sichert den Arbeitsplatz besser als ein akademischer Abschluss. Im Interview erklärt die Mannheimer Forscherin, warum Diplome dennoch nicht nutzlos sind.
SPIEGEL ONLINE: Frau Lauer, die Faustregel"Je höher gebildet, desto sicherer der Job" gehört zur bildungspolitischen Folklore. Stimmt sie nicht, oder hat sie sogar nie gestimmt?
Charlotte Lauer: Höhere Bildung ist nicht alles... [Eigener Kommentar: Das ist auch wahr!
Charlotte Lauer: Das ist nicht so, diese Faustregel ist eine falsche Vorstellung.
SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Studie für das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung haben Sie den <font color="#FF0000">Zusammenhang zwischen Bildungsabschluss und Sicherheit des Arbeitsplatzes untersucht</font>. Welche Art der Ausbildung ist die beste Wahl?
Lauer: Da muss man unterscheiden zwischen dem Risiko, die Arbeit zu verlieren, und der Chance, wieder aus der Arbeitslosigkeit heraus zu kommen, wenn man einmal arbeitslos geworden ist. Die Leute mit einer praktischen Ausbildung, zum Beispiel mit einer Lehre oder vor allem einem Meisterabschluss, sind am besten abgesichert, nicht in Arbeitslosigkeit zu geraten. Wenn die Leute aber schon arbeitslos sind, dann ist ein Hochschulabschluss besser.
SPIEGEL ONLINE:<font color="#FF0000"> Ein Akademiker verliert eher seinen Job als Fachwirt oder ein Meister, kommt aber auch schneller wieder in einen neuen Job</font>. Wenn man beides zusammen rechnet, welche Arbeitslosenzahlen kommen dann heraus?
Lauer: Insgesamt ist die Arbeitslosenquote bei Hochschulabsolventen, Fachhochschülern und Meistern in etwa gleich. Ein Meister ist geringfügig besser dran. Man kann das so interpretieren: Sehr spezifische und praxisorientierte Fähigkeiten helfen, seinen Job nicht zu verlieren. Wenn man jedoch arbeitslos ist, dann ist es ein Vorteil, eine allgemeine Ausbildung zu haben, <font color="#FF0000">um flexibel zu sein und auch in fachfremden Bereichen zu arbeiten</font>. <font color="#FF0000">Da sind die Möglichkeiten größer als bei einer spezifischen Berufsausbildung</font>. Mit einem Hochschulabschluss kann man auch unter seinem Ausbildungsniveau nach Arbeit suchen, wenn es nicht anders klappt. [Eigener Kommentar: Da hat sie recht. Man ist flexibler einsetzbar]
SPIEGEL ONLINE: Der Meister hat also leichte Vorteile gegenüber dem Akademiker. Was kommt denn beim Vergleich verschiedener Studiengänge heraus - verlieren Geisteswissenschaftler schneller ihren Job?
Lauer: Schon Fachhochschüler haben bessere Chancen als Universitäts-Studenten, weil sie praxisnäher ausgebildet werden. An den Universitäten haben BWLer, Informatiker und Naturwissenschaftler typischerweise bessere Chancen.
SPIEGEL ONLINE: Und welche Unterschied gibt es zwischen Männern und Frauen?
Lauer: Bei gleicher Ausbildung ist die Arbeitslosenquote in Deutschland bei Männern nur wenig höher als bei Frauen. Da gibt es keine dramatischen Unterschiede wie zum Beispiel in Frankreich. Das ist seltsam, denn für die Löhne ist es genau anders herum: In Deutschland verdienen Männer viel mehr bei gleicher Ausbildung, in Frankreich ist der Abstand dagegen klein.
SPIEGEL ONLINE: In Deutschland verdienen Frauen weniger, in Frankreich werden Frauen eher gefeuert?
Lauer: Das liegt daran, dass viel weniger Frauen in Deutschland erwerbstätig sind. Die niedrige Erwerbsbeteiligung hat den Effekt, dass die Arbeitslosenquote bei Frauen niedrig bleibt. In Deutschland mangelt es an der Betreuung für Mütter mit Kindern, Schule ist nur halbtags. Ich glaube, das sind auch kulturelle Unterschiede. Vielleicht haben die deutschen Frauen ein anderes Rollenverständnis und bleiben lieber zu Hause wenn sie Kinder haben. Das Risiko, die Arbeit zu verlieren, ist in Deutschland insgesamt geringer als in Frankreich. In Deutschland ist es aber schwerer, wieder eine neue Stelle zu finden.
SPIEGEL ONLINE: Ist die französische Berufsausbildung theoretischer oder praxisnäher als in Deutschland?
Lauer: In Frankreich ist es nicht so, dass berufliche Qualifikation gegen Arbeitslosigkeit mehr absichert als ein Hochschulabschluss. In der Berufsausbildung gibt es viele Probleme: Die Lehre ist tatsächlich nicht so nah an der Praxis, auf den Arbeitsmarkt wird nicht gut so vorbereitet wie in Deutschland. Außerdem scheitern in Frankreich viele in der Lehre und brechen ab. Dadurch hat ein nicht geringer Teil gar keinen Abschluss.
SPIEGEL ONLINE: <font color="#FF0000">Bildung lohnt sich also doch. Wer gar keinen Abschluss macht, hat die denkbar schlechtesten Chancen</font>.
Lauer: <font color="#FF0000">Genau, in jedem Bereich. Die Leute ohne Abschluss sind mit Abstand am stärksten betroffen</font>.
Das Interview führte Jörg Hackhausen
Quelle: http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,261881,00.html, Spiegel-Online, 22.08.2003
- - - - - - - - - - - - - - - - - - -
INTERVIEW
<font size=5>Lohnt es sich noch zu studieren?</font>
<font color="#FF0000">Zwölf Semester Uni führen immer öfter direkt zum Arbeitsamt. Im März 2003 waren 253.000 Akademiker arbeitslos, Tendenz steigend</font>. Warum sich ein Studium trotzdem lohnt, erklärt Franziska Schreyer vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.
SPIEGEL ONLINE: Jeder Dritte junge Deutsche mit Abitur beginnt nach der Schulzeit ein Studium. Gleichzeitig ist eine Viertelmillion hoch ausgebildeter Menschen in Deutschland ohne Job. FĂĽhrt ein Studium heute in die Sackgasse der Arbeitslosigkeit?
Franziska Schreyer: <font color="#FF0000">Im Gegenteil. Mit einer Arbeitslosenquote bei Hochschulabsolventen von nur 2,6 Prozent im Jahr 2000 in konnte man in Westdeutschland bei Akademikern von Vollbeschäftigung reden</font>. Neuere Quoten gibt es wegen Datenproblemen noch nicht. <font color="#FF0000">Die Arbeitslosigkeit von Menschen mit Uni- oder Fachhochschulabschluss ist aber gestiegen</font>.
SPIEGEL ONLINE: Die Rezession erreicht die Eliten. Wie schlimm ist die Lage?
Schreyer: Im September 2001 haben wir 180.000 Menschen mit Hochschulabschluss als erwerbslos registriert, im September 2002 rund 224.000. <font color="#FF0000">Das ist ein überdurchschnittlicher Anstieg von 24 Prozent</font>. <font color="#FF0000">Dieser negative Trend hält </font>an. Aber man darf das auch nicht überdramatisieren. Gestiegen ist nämlich nicht nur die Zahl der Arbeitslosen, <font color="#FF0000">sondern zumindest auch der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Arbeitnehmer</font>.
SPIEGEL ONLINE: Pessimisten warnen von einer verlorenen Generation von Akademikern, die jetzt mit dem Studium fertig werden und den Berufseinstieg nicht schaffen. Muss man Abiturienten vom Studium abraten?
Schreyer: <font color="#FF0000">Akademiker sind die privilegierteste Gruppe am Arbeitsmarkt. Sie haben das niedrigste Risiko, arbeitslos zu werden</font>. Akademikerarbeitslosigkeit ist in den letzten Jahrzehnten immer mehr zu einem Problem der Älteren geworden. <font color="#FF0000">In jüngerer Zeit traf es aber erstmals die Jüngeren wieder stärker</font>. Gut ein Viertel der Arbeitslosen mit Hochschulabschluss ist jünger als 35. <font color="#FF0000">Das ist für die Betroffenen, aber auch bildungsökonomisch schwierig - ein Studium kostet ja auch viel Geld</font>.
SPIEGEL ONLINE: Wer Pharmazie studiert, hat als Apotheker ausgesorgt, hieß es früher. Gibt es noch Studienfächer mit Job-Garantie?
Schreyer: Wenig Schwierigkeiten, eine Arbeit zu finden, haben derzeit Humanmediziner und Lehrer für Grund-, Haupt- und Berufsschulen. Die anderen Studienfächer haben mehr oder weniger große Probleme: Angesichts der vergangenen Boomjahre relativ schlimm trifft es die Informatiker, da macht sich die IT-Krise stark bemerkbar. <font color="#FF0000">Betriebswirtschaftler, früher ein krisenresistentes Fach, spüren die Krise in der Wirtschaft nun auch</font>. <font color="#FF0000">Architekten und Bauingenieuren haben schon seit Mitte der neunziger Jahre Arbeitsmarktprobleme</font>, und auch bei den Geisteswissenschaftlern ist der Weg in den Beruf nach dem Examen immer noch steinig.
SPIEGEL ONLINE: Wie sieht die Zukunft aus? Wird es wieder Zeiten geben wie in den sechziger Jahren, als Studenten schon vor Examen von der Uni abgeworben wurden, um den dringenden Bedarf an Arbeitskräften zu decken?
Schreyer: Auch in Zukunft werden Akademiker auf dem Arbeitsmarkt Vorteile haben. Unsere Informationsgesellschaft wird einen immer größeren Bedarf an anspruchsvollen Dienstleistungen entwickeln. Wir werden immer <font color="#FF0000">häufiger Menschen brauchen, die forschen, beraten, managen oder lehren</font>. <font color="#FF0000">Für 2010 rechnen Prognostiker, das rund ein Drittel aller arbeitenden Menschen in der Bundesrepublik solche und andere Tätigkeiten mit hohen Anforderungen ausüben werden</font>. Ab circa 2015 werden wir vorausichtlich sogar einen Mangel an Arbeitskräften mit Hochschulabschluss haben - darin sind sich die Prognostiker mittlerweile einig. <font color="#FF0000">Gute Aussichten also für junge Leute, die studieren wollen</font>.
Das Interview fĂĽhrte Ulrike Putz
Quelle: http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,257133,00.html, Spiegel Online, 16.07.2003

gesamter Thread: