- Der Chiemgauer erreicht ver.di - vladtepes, 29.08.2003, 09:06
Der Chiemgauer erreicht ver.di
-->Regiogeld
Macht fünf Chiemgauer, bitte!
Geld, das fast nichts kostet und auch noch Gutes bewirkt? Ein Schülerprojekt in Prien etablierte ein Gutschein-System, das die Wirtschaft vor Ort beleben soll. Schon nach sechs Monaten fühlt sich die Region sichtlich gestärkt.
von Hans-Peter Berndl
Heiß ist es im Dachgeschoss der Waldorfschule in Prien am Chiemsee. Sechs Schülerinnen der Oberstufe produzieren dort"Chiemgauer", Gutscheine im Wert von ein, zwei, fünf, zehn und 20 Euro. Auf verstärktem Papier ist auf der Vorderseite der Wert aufgedruckt, auf der Rückseite verschiedene Kunstmotive. Der"Chiemgauer" ist eine Ersatzwährung, mit der man lokal handeln und so der Globalisierung die Stirn bieten will. Kunden können ihn im Abo beim Vereinoder an festgelegten Stellen erwerben. Ein"Chiemgauer" entspricht einem Euro. Das Experiment heißt Chiemgauer regional. Es ist ein Schülerprojekt und läuft seit einem knappen halben Jahr.
Beachtlicher Start
Schon etwa 50 Unternehmen und Geschäfte rund um den Chiemsee akzeptieren"Chiemgauer" als Zahlungsmittel. Sie haben keine zusätzlichen Kosten und bedienen dafür einen festen Kundenkreis, dem an der Stärkung des regionalen Wirtschaftskreislaufs gelegen ist. Bevorzugt dieser die teilnehmenden Geschäfte statt großer Supermarktketten, wird die Kundschaft dafür mit einem Einkaufsrabatt von 5 Prozent belohnt. Diese lösen dann die Gutscheine mit 5 Prozent Abzug wieder in Euro beim Verein ein, die Kosten sind steuerlich absetzbar. Zwei Prozent davon behält der gemeinnützige Träger Chiemgauer regional - Verein für nachhaltiges Wirtschaften. Drei Prozent gehen an die örtliche Waldorfschule, den Kindergarten oder Sportverein. Die Gutschein-Zahler haben die Wahl und spenden so mit ihrem Einkauf, ohne dadurch weniger im Portemonnaie zu haben. Der"Chiemgauer" wird somit zum Schenkgeld für soziale oder kulturelle Einrichtungen.
Geld muss fließen
Gibt der Kunde seine Gutscheine nicht innerhalb eines Quartals aus, gehen wiederum zwei Prozent davon in die Projekte. Das Regiogeld ist eben keine Währung zum Horten, sondern ein Fließgeld zum Ausgeben. Es bleibt in der Region und jedes Quartal gibt es neue Gutscheine mit fälschungssicherer Prägemarke und UV-Lichtkennung. Während schätzungsweise die Hälfte aller Euros außerhalb der Währungsunion oder auf Schwarzmärkten landen, nützt der"Chiemgauer" gezielt vor Ort.
Regiogeld ist ein Modell zum Nachahmen. Denn in Deutschland ist seine Existenz, im Gegensatz zu anderen Ländern wie der Schweiz, Argentinien, USA oder Neuseeland, noch deutlich unterentwickelt. Der Grundgedanke ist bei Rudolf Steiner und Silvio Gesell nachzulesen (www.freigeld.de) Doch weitere Initiativen gibt es schon: im Allgäu, am Bodensee und in Brandenburg. Seit gut einem Jahr zirkuliert in Bremen der"Roland" mit der Orientierung auf eine ökologische und dezentrale Wirtschaftskultur."Wir produzieren hier einen Exportartikel", meint Christian Gelleri, der Leiter des"Chiemgauer"-Projekts. Unterstützt und verbreitet wird die Idee auch von Experten wie der Professorin Margret Kennedy, einer international anerkannten Beraterin für regionale Geldprojekte und dem ehemaligen belgischen Notenbanker Bernard Lietaer, beides Vereinsbeiräte.
Der Praxistest
Wir besuchen den"Regionalmarkt Prien". Große Glasflächen, helles Holz außen wie innen. In den Verkaufsräumen finden sich die kulinarischen Köstlichkeiten des Chiemgau. Die Inhaberin Julia Kollmannsberger hat mit dem Gutscheinsystem schon gute Erfahrungen gemacht. Bis zu zehn Prozent vom Umsatz verrechnet sie in"Chiemgauern". Und zwar ohne Probleme mit der Abwicklung. Sie findet, die Idee müsse noch stärker verbreitet werden.
Herr Aksu vom"Priener Jeans Palast" hatte zwar noch keinen Kunden, der mit"Chiemgauern" bezahlt hätte. Doch er räumt eine längere Vorlaufzeit ein."Ich unterstütze die Idee", meint er,"es kostet mich ja nichts extra." Ein weiterer Vertragsunternehmer ist die Bäckerei"Miedl" mit 18 Filialen rund um den Chiemsee. Und Unternehmen der Gastronomie, des Einzelhandels, des Handwerks und anderer Branchen bereichern beständig das Angebot der"Chiemgauer"-Gemeinde.
Die Perspektive
Das Projekt Chiemgauer regional sieht sich als Keimzelle für eine gesellschaftliche Innovation und will zeigen, dass das Modell Regiogeld funktioniert. Die Möglichkeiten von der technischen Abwicklung bis hin zu Vernetzungen mit anderen gemeinnützigen Initiativen, Unternehmen und Verbänden sind noch längst nicht ausgeschöpft. Je mehr Menschen, Initiativen, Vereine, Unternehmen und Initiativen mitmachen, so die Idee, desto größer wird der Nutzen für alle sein. Denn Vertrauen in etwas Neues, zumal wenn es sich um Zahlungsmittel - sprich: Währung handelt - entsteht eben vor Ort.
<ul> ~ http://www.verdi-publik.de/verdi_publik_wcms/fmpro?-db=verdi_publik_wcms.fp5&-lay=eingabe&-format=text.html&-error=fehler.html&-recid=35597&-find</ul>

gesamter Thread: