- Leidende Angestellte (ein Artikel zur schönen neuen Arbeitswelt, Druck & Stress) - Sascha, 31.08.2003, 15:10
Leidende Angestellte (ein Artikel zur schönen neuen Arbeitswelt, Druck & Stress)
--><font size=5>[b]Leidende Angestellte</font>
Wenn der Arbeitsdruck wÀchst, nehmen auch psychosomatische Erkrankungen zu. Ein Blick in die Fabriken tÀglicher Stressproduktion [/b]
Von Christiane Grefe
[Mit ihrem Betriebsklima sind zwei Drittel aller BeschĂ€ftigten unzfrieden. Manche Ă€rgern sich krank, Foto (M): Malin Schulz fĂŒr DIE ZEIT]
Ruhe. âLasst mich endlich in Ruhe! Den ganzen Tag ĂŒber erwische ich mich bei dem Gedanken.â So stöhnt ein Erfolgreicher; ein Bankmanager. â<font color="#FF0000">Eigentlich war ich immer aktiv und gesellig</font>â, grĂŒbelt er. âAber jetzt nervt mich jeder Anruf, jeder Termin, und zu Hause fĂŒhle ich mich wie der Krimi-Kommissar, dessen Ehefrau beim Abendessen sagt:,Hey, wo bist du? Hörst du mir ĂŒberhaupt zu?ââ
<font color="#FF0000">Ausgebrannt, leer, ohne Antrieb: Die groĂe MĂŒdigkeit, die den sonst so engagierten Mittvierziger befallen hat, ist keiner Midlife-Crisis geschuldet</font>. Vielmehr wehrt er damit einen Druck ab, der seit Jahren <font color="#FF0000">nicht mehr stoĂweise anfĂ€llt, sondern chronisch</font>; <font color="#FF0000">eine neue, bohrende IntensitĂ€t, ja TotalitĂ€t, mit der die Arbeit immer mehr Lebenszeit fordert, immer tiefer in die Innenwelt dringt</font>. âEs hört nie aufâ, erklĂ€rt der Banker seinen RĂŒckzug in die Lustlosigkeit. âDu schuftest immer lĂ€nger, aber auch danach drehen sich die Aufgaben weiter im Kopf.â Und im Magen drĂŒcken âSeelenschmerzenâ, wie der BedrĂ€ngte sein âDauergefĂŒhlâ angespannter Ăberforderung nennt.
<font color="#FF0000">Ein typischer Fall. Solche Seelenschmerzen spĂŒren keineswegs nur FĂŒhrungskrĂ€fte wie er, sondern zunehmend BerufstĂ€tige in fast allen Hierarchiestufen und Branchen</font>. Seit Beginn der neunziger Jahre, <font color="#FF0000">als Marktliberalisierung, Privatisierung und Rationalisierung sich zu ĂŒberschlagen begannen</font>, <font color="#FF0000">belegen Studien eine auffĂ€llige Zunahme psychomentaler und sozialer Belastungen in der Arbeitswelt</font>. So ergab eine Umfrage des Instituts fĂŒr Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im Jahr 1999, dass ĂŒber die HĂ€lfte der deutschen ErwerbstĂ€tigen <font color="#FF0000">hĂ€ufig oder stĂ€ndig unter hohem Termin- und Leistungsdruck rackert</font>. <font color="#FF0000">Knapp sechs Millionen Menschen, ein FĂŒnftel der BeschĂ€ftigten, gaben an, sie mĂŒssten im Job meist oder immer bis an die Grenze ihrer LeistungsfĂ€higkeit gehen. Seither hat sich der Konkurrenzdruck am Arbeitsmarkt noch verschĂ€rft</font>: Ob private Banken oder Staatsbetriebe, ob Bayer, Siemens, Telekom, Post und Bahn, <font color="#FF0000">ringsum werden zigtausendfach Stellen gestrichen</font>.
<font color="#FF0000">Kein Wunder, dass sich laut jĂŒngeren Befragungen bereits 60 Prozent der BeschĂ€ftigten in technischen und verwaltenden Berufen stĂ€ndig ĂŒberbeansprucht fĂŒhlen</font>. Der DAK-Gesundheitsreport 2002 registrierte innerhalb von vier Jahren eine Zunahme der Krankheitstage aufgrund âpsychischer Störungenâ <font color="#FF0000">um 50 Prozent</font>. âUm unter globalen Konkurrenzbedingungen wettbewerbsfĂ€hig zu bleibenâ, sagt der Berliner Sozialwissenschaftler Ulf Kadritzke, â<font color="#FF0000">werden die Unternehmen zu Fabriken der tĂ€glichen Stressproduktion</font>.â
Man könnte all dies als subjektive ĂuĂerungen deutscher Wehleider abtun und einwenden, den Feiertagsrekordlern könnte etwas mehr Druck gar nicht schaden. Wer sich gestresst fĂŒhlt, sei eben mental falsch gepolt oder schlecht organisiert; er sollte halbtags arbeiten oder mit Yoga entspannen. <font color="#FF0000">Doch so simpel lĂ€sst sich das Problem nicht lösen. Wenn Globalisierung, Rationalisierung und Rezession ĂŒberall im Lande Produktionsanlagen und BĂŒros unter Druck setzen, stoĂen individuelle Strategien an Grenzen</font>. Ein ökonomischer Umbruch, âĂ€hnlich gravierend wie zu Beginn der industriellen Revolutionâ, fĂŒhre nicht nur in der Gesellschaft zu Anpassungsproblemen, sondern bei jedem Einzelnen, sagt der schwedische Arzt Töres Theorell.
Das gilt international. Französische Arbeitsmediziner beobachten bei <font color="#FF0000">dauergestressten leitenden Angestellten einen âpathologischen Anwesenheitsdrangâ</font>. In den USA grassiert die hurry sickness. Und in einer europaweiten Befragung, der Dublin-Studie, <font color="#FF0000">klagten sechs von zehn EuropĂ€ern ĂŒber knappe Fristen und rasendes Arbeitstempo</font>. Dieses Gerenne und Gejage, das heute immunologisch implosiv <font color="#FF0000">meist im Sitzen und im Kopf stattfindet, verursacht hohe Kosten. Wer dauerhaft unter Strom steht, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit krank</font>: <font color="#FF0000">Dann herrscht auch Hochdruck im Blutkreislauf, die Hektik schlĂ€gt auf den Darm, die Anspannung in Nacken und RĂŒcken</font>.
<font color="#FF0000">TatsĂ€chlich berichten Arbeitsmediziner, dass Verspannungen, Schlaflosigkeit, Konzentrationsstörungen zunehmen. Schon bei 30-jĂ€hrigen Bildschirmhengsten diagnostizieren sie Morbus Crohn, Tinnitus oder Burn-out</font>. âManche Leute kommen in mein BĂŒro und brechen schon bei der Frage nach ihrem Befinden in TrĂ€nen ausâ, berichtet die Organisationsentwicklerin und BetriebsĂ€rztin Marianne Engelhardt-Schagen. â<font color="#FF0000">Das haben wir frĂŒher so nicht erlebt</font>.â[Eigener Kommentar: Hieran sehen wir doch schon, daĂ es eigentlich schon eine ganze Weile bergab geht. Die Leute sind am Ende. Vor allem das Arbeitstempo ist mittlerweile gewaltig und teilweise abartig (habe ich mitbekommen als ich im Praktikum war].
Niemand will SchwÀche zeigen
<font color="#FF0000">Der Druck strapaziert genau das, was in der neuen flexiblen Lebens- und Arbeitswelt am meisten gefragt ist: die Nerven. Und Tabuisierung erhöht den Druck weiter</font>. Wer zeigt schon SchwĂ€che, wenn ĂŒberall entlassen wird? âBis auf ein gewisses Grundstöhnenâ, so erlebt es der erschöpfte Banker, â<font color="#FF0000">behalten die meisten ihre Leiden fĂŒr sich</font>.â Auch mit Journalisten reden sie nur anonym.
Wo viel verschwiegen wird, fehlen verlĂ€ssliche Daten und KostenschĂ€tzungen. Niemand weiĂ, wie viel die stressbedingten Fehler und Fehltage die Wirtschaft kosten - die Verluste dĂŒrften hoch in die Milliarden gehen. Auch das Gesundheitssystem muss mehr fĂŒr Medikamente, Operationen und Therapien aufbringen. Allein die Rehabilitation von RĂŒckenschĂ€den erfordert jĂ€hrlich rund 18 Milliarden Euro. Ein Drittel dieser Erkrankungen sei berufsbedingt psychogen, schĂ€tzt der Hamburger Arbeitswissenschaftler Alfred Oppolzer. <font color="#FF0000">Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat psychosomatische Erkrankungen zu einer der gröĂten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts erklĂ€rt</font>.
Gewiss, seelische Leiden haben meist mehrere, auch private Ursachen. Und man weiĂ schon lĂ€nger, dass Stress in MaĂen und aus eigenem Antrieb auch positiv wirken, Höchstleistungen und Erfolgseuphorie beflĂŒgeln kann. âStress ist wie eine Geigensaiteâ, sagt der IBM-Betriebsarzt Ludwig Bieser. âSie reiĂt bei zu viel Spannung. Aber ohne sie ist man verstimmt.â Doch dass der Körper irgendwann in Disharmonie gerĂ€t, wenn seine archaisch fĂŒr akute Lebensgefahr programmierten HormonausschĂŒttungen chronisch werden, ist psychoneuroimmunologisch ebenso belegt.
<font color="#FF0000">Insbesondere befeuert Sparzwang ĂŒberall Beschleunigung und Arbeitsverdichtung - und damit den Druck. Nach KĂŒndigungswellen schuften die Ăbriggebliebenen fĂŒr die Gegangenen mit</font>. In einer Firma fĂŒr Kommunikationstechnik wurde die Mannschaft um die HĂ€lfte reduziert. âAber die Zahl der Kunden, die betreut werden mĂŒssen, bleibt doch gleichâ, sagt ein Abteilungsleiter. In der Bettenzentrale einer Klinik leisten nur noch sechs statt acht Frauen die gleiche krĂ€ftezehrende Arbeit. <font color="#FF0000">Oder in der Spielzeugfabrik werden Standzeiten am FlieĂband rigoros ausgemerzt</font>. <font color="#FF0000">Fast jeder zweite BeschĂ€ftigte muss inzwischen seine Antennen auf mehrere Aufgaben gleichzeitig richten. Unter Druck passieren leichter Fehler. Jeder Dritte arbeitet unter dem Damoklesschwert, dass schon bei einem kleinen Lapsus hohe finanzielle Verluste drohen</font>. <font color="#FF0000">In dieses Bild fĂŒgt sich, dass mehr als die HĂ€lfte der BerufstĂ€tigen regelmĂ€Ăig ĂŒber die vereinbarte Zeit hinaus arbeitet</font>.[Eigener Kommentar: Endlich mal jemand der sagt was Sache ist!]
Vor lauter Hektik âquatschen einem die Chefs laufend dazwischenâ, klagt ein technischer Abteilungsleiter. âAls Person fĂŒhlst du dich nicht mehr wahrgenommen.â Nicht zufĂ€llig haben KrĂ€nkung und Krankheit denselben Wortstamm. â<font color="#FF0000">Bis auf den Infarkt habe ich alles durch</font>â, sagt der Techniker, âSchlafstörungen, Unruhe, einen Hörsturz. Es bleibt nicht mal mehr die Zeit fĂŒr Sport.â Seine Gesundheitsprobleme fĂŒhrt er auf jene Wochen zurĂŒck, in denen sein Unternehmen zum x-ten Mal neue ArbeitsablĂ€ufe vorschrieb, inklusive deren Dokumentation fĂŒr die Konzernzentrale. Derart eilig ging es zu, dass die EDV mit den neuen Programmen nicht hinterherkam - ausgerechnet im Umbau-Chaos mussten die Berichte wie anno Tobak per Hand verfasst werden. Da hatte das Reformtempo sogar das Instrument der Beschleunigung ĂŒberholt.
Dabei gehören moderne Kommunikations- und Informationssysteme sonst zu den schlimmsten Druckmachern. <font color="#FF0000">Wachsende Kundenkontakte in aller Welt ĂŒber Zeitzonen hinweg, Laptop und Handy als stĂ€ndige Begleiter auf Reisen und zu Hause - der kommunikative Ansturm ist rasch nicht mehr zu bewĂ€ltigen. LĂ€ngst nicht jeder hat gelernt, bei der Flut von Briefen, Faxen, Anrufen und E-Mails souverĂ€n PrioritĂ€ten zu setzen</font>.
Zeit- und Kostendruck bringen auch das professionelle Ethos ins Wanken. â<font color="#FF0000">Wie viel oberflĂ€chlicher kann ich noch arbeiten, um gut zu bleiben</font>?â, fragt etwa der Marketingexperte eines Computerherstellers - auch das nagt an der Seele. Anderswo laufen Techniker mit Bauchschmerzen herum, weil die Firmenleitung die technische Infrastruktur nicht mehr vorbeugend pflegt, sondern billiger âstörfallorientiertâ flickt. Mit Grauen verfolgen Altenpfleger und Krankenschwestern, wie ungelernte Billigarbeiter an Patienten herumpfuschen.
Ăber dem Alltagskampf lastet zudem die Ungewissheit, wie lange der eigene Arbeitsplatz erhalten bleibt. Emotional habe die Mehrheit der Menschen noch keineswegs bewĂ€ltigt, <font color="#FF0000">dass ihnen dieser einst sichere Boden ihrer Lebensplanung unter den FĂŒĂen weggebrochen ist</font>, erklĂ€rt der Berliner Konfliktberater Hans-Peter HĂŒsch. <font color="#FF0000">Der Umbruch ist lĂ€ngst zum tief verstörenden Dauerzustand geworden</font>. Sogar in bereits âverschlanktenâ Unternehmen jagt eine Umstrukturierung die andere. Werden Abteilungen aufgelöst und neu zusammengesetzt, bedeutet das fĂŒr die Mitarbeiter neue Hierarchien, neue Vorgesetzte, neue AblĂ€ufe und doppelte Arbeit, weil vieles noch nicht klappt. Da kommen Routine, Vertrauen und Phasen der Erholung gar nicht erst auf.
Jobverlust erfordert Trauerarbeit
Ein schlagendes Beispiel ist die Berliner Bewag. Nach dem Mauerfall musste das Energieversorgungsunternehmen zunĂ€chst Ost und West vereinigen. 1997 kam eine amerikanische Firma als neuer Herr ins Haus. Inzwischen regiert der schwedische Konzern Vattenfall. Einen dreifachen Wechsel der Unternehmenskultur mussten die BeschĂ€ftigten verkraften und den Verlust der watteweichen Sicherheit eines Strommonopolisten: Die Mitarbeiterzahl schrumpfte von rund 15000 auf 5000, es gab Ausgliederungen, Umstrukturierungen, Rationalisierungen. âWir hatten ganz klar psychische Krankheiten, die auf diese jahrelange Anspannung zurĂŒckzufĂŒhren warenâ, bestĂ€tigt Personalvorstand Herbert Strobel, ehemals Betriebsratsvorsitzender. âDa sind eine Menge LebensentwĂŒrfe zusammengebrochen.â Entwertet fĂŒhlten sich jene, die in den Vorruhestand gedrĂ€ngt oder âumgesetztâ wurden, etwa aus der Technik in die Personalabteilung. Die Arbeit prĂ€gt die IdentitĂ€t; auch Unterforderung kann quĂ€len. Der Verlust einer Aufgabe, die jemand lange Zeit mit Stolz erfĂŒllt hat, âerfordert regelrecht Trauerarbeitâ, sagt Strobel. Die Arbeit in einem internationalen Konzern sieht er als Chance. Doch: âDer nĂ€chste Umbruch kommt bestimmt.â
Daher zittern viele: <font color="#FF0000">ZĂ€hlt meine Leistung ĂŒberhaupt noch, wo werde ich landen</font>? Zu âinneren StĂŒrmenâ könnten sich solche Fragen bei Betroffenen zusammenbrauen, sagt Andrea Fritsch von der Berliner Gruppe âMensch und Organisation im Wandelâ. Sie berĂ€t Unternehmen in Umbruchphasen. Dabei seien Sicherheit und das GrundgefĂŒhl, am Arbeitsplatz respektiert zu werden, selbst fĂŒr die risikofreudigsten und kreativsten Menschen âoberstes Gebotâ. Erst wer sich sicher fĂŒhlt, kann es sich leisten, flexibel zu sein. âNur wer schwimmen kann, wagt sich aufs offene Meerâ, meint Fritsch. Gerade in Umstrukturierungsphasen mĂŒssten Chefs daher klare Orientierung bieten. âAuch wenn diese Orientierung lautet: Alles wird ununterbrochen anders werden.â Doch die FĂŒhrungskrĂ€fte seien meist selbst irritiert. Und so nehme statt der Sicherheit vor allem die Zahl der ungeklĂ€rten Konflikte am Arbeitsplatz zu, manche Mitarbeiter Ă€rgerten sich krank.
Immerhin zwei Drittel aller BeschĂ€ftigten kritisieren das Klima in ihrem Betrieb, wie Untersuchungen des wissenschaftlichen Instituts der AOK und der Gallup-Unternehmensberatung zeigen. Ăndern sich die Rollen in der Arbeitsorganisation und damit die Ăberlebens- und Aufstiegschancen stĂ€ndig, dann nimmt auch Mobbing zu. Jeder zehnte ErwerbstĂ€tige hat diese systematische Erniedrigung durch Beleidigung, GerĂŒchte oder Isolation schon einmal erfahren.
Dass FĂŒhrungskompetenz in solchen Zeiten eine âSchlĂŒsselaufgabeâ ist, haben viele Firmen lĂ€ngst erkannt. So hat Siemens seine Ausgaben fĂŒr die entsprechende Weiterbildung seiner Chefs um rund 60 Prozent erhöht, berichtet die Fachleiterin der betrieblichen Sozialarbeit Brigitte Zeier. âDie PrĂ€vention rechnet sich. Reibungsverluste können zumindest verringert werden, die Individualprobleme ebenso.â
Auch bei der Bewag haben sich die neuen Verantwortlichen um eine âVertrauenskulturâ bemĂŒht. So können BeschĂ€ftigte, deren Abteilungen aufgelöst wurden, einen neuen Job im Unternehmen erst ausprobieren, um Ăngste abzubauen. Wo immer möglich, wĂŒrden Kollegen gemeinsam versetzt, sagt Herbert Strobel. Oder es werden Seminare fĂŒr den âUmbruch im Berufslebenâ organisiert. Sie sollen dabei helfen, die vielen kleinen Abschiede von lieb gewonnenen Rollen, RĂ€umen und Ritualen zu verarbeiten, um sich danach leichter auf neues Terrain wagen zu können. Bei IBM stellte Betriebsarzt Ludwig Bieser Antistressprogramme fĂŒr âEntspannungsviertelstundenâ ins Intranet, um den Mitarbeitern âein Inventar an Methoden bereitzustellen, wie man mit Druck umgehen kannâ. Und der Betriebsrat initiierte eine firmeninterne Debatte ĂŒber das tabuisierte Problem.
In der WG der Ăberarbeiteten
Dort wurde vor allem die spannungsgeladene Ambivalenz moderner Projektarbeit als Ursache des Drucks identifiziert. <font color="#FF0000">EigenstĂ€ndige Planung ohne Terminvorgaben und Stechuhr in sich selbst organisierenden Teams, das klingt zunĂ€chst paradiesisch</font>. Als Kehrseite entpuppte sich, dass die Verantwortung des Einzelnen in dem MaĂe zunimmt, in dem Kontrollen von oben schwĂ€cher werden. <font color="#FF0000">Den Druck der Kunden puffert kein Chef mehr ab - und man verlangt sich selbst den Dauerstress ab</font>. Die Folge sei âeine stĂ€ndige Gratwanderung zwischen Selbstkontrolle und Selbstausbeutungâ, sagt Arbeitsforscher Ulf Kadritzke. Nicht umsonst bezeichneten Pioniere der New Economy die Endphasen ihrer Projektarbeit als â<font color="#FF0000">TodesmĂ€rsche</font>â.
Anonyme Erfahrungsberichte aus dieser Welt der â<font color="#FF0000">unselbststĂ€ndigen SelbststĂ€ndigen</font>â sammelte der DĂŒsseldorfer Betriebsrat von IBM. â<font color="#FF0000">Ich habe noch mehr Ăberstunden gemacht und konnte trotzdem abends nicht zufrieden nach Hause gehenâ, notiert da eine Angestellte. âIrgendetwas Wichtiges blieb immer liegen⊠Die Situation gipfelte Mitte des Jahres in einem Nervenzusammenbruch</font>.â Ein anderer: âEinige entwickeln geradezu einen Stolz darauf, dass sie bis an/ĂŒber die Grenzen der GesundheitsschĂ€digung arbeiten.â
âWir streben bestimmt nicht den Workaholic anâ, wehrt IBM-Betriebsarzt Ludwig Bieser ab; schon weil der in seiner Fixierung oft weniger kreativ sei. In den neuen Arbeitsformen sieht der Mediziner vielmehr in erster Linie neue Freiheiten und den Ausdruck einer Unternehmenskultur, die man als Angestellter teilt oder nicht. Wer den Handlungsspielraum nicht nutze oder schĂ€tze, der könne mithilfe von Antistressprogrammen lernen: âVoraussetzung ist, dass er das will.â
Doch Ă€hnlich zwiespĂ€ltig, auch fĂŒr jene, die Freiheit lieben, ist die Arbeit mit stĂ€ndig wechselnden Teams von Projekt zu Projekt. Einerseits sind neue Begegnungen beflĂŒgelnd. Andererseits mĂŒssen oft Personen kooperieren - in weltweit aktiven Konzernen auch aus verschiedenen Kulturen-, die sich gegenseitig kaum einschĂ€tzen können. <font color="#FF0000">Aber möglichst ganz schnell und zu niedrigeren Kosten als andere Anbieter sollen sie die Ergebnisse liefern</font>.
<font color="#FF0000">Unter diesem Druck schweiĂen dann zwar spĂ€tabends im BĂŒro zwischen die Kiemen geschobene Express-Pizzen und verschwörerische EMails die Ăberarbeiteten freundschaftlich zusammen</font>. Aber ebenso oft entstehe in solchen âErsatzfamilienâ eine Gruppendynamik âwie in Wohngemeinschaftenâ, sagt die Organisationsentwicklerin Marianne Engelhardt-Schagen, inklusive gegenseitiger Kontrolle, Misstrauen und Hass.
Man beobachtet sich. Wenn jede TĂ€tigkeit auf ihren âWertschöpfungsbeitragâ abgeklopft wird, dann reiĂt ein Einziger im Formtief womöglich das ganze Team mit hinab. Und wer ein wenig langsamer oder verschrobener ist, obwohl vielleicht fantasievoller, gilt dann schnell als Karrierehindernis. <font color="#FF0000">So wird der Mensch zum Störfall</font>.
(c) DIE ZEIT 28.08.2003 Nr.36
[b] Quelle: http://www.zeit.de/2003/36/M-Stress, Die Zeit, 28.08.2003, Nr. 36

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