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Schulszenen aus Berlin
-->"Wie lange dauert das noch - so halbe Stunde?"
Deutschunterricht in einer Hauptschulklasse - Doch die 30 Schüler beherrschen weder Deutsch noch ihre Muttersprachen - Und die Lehrerin verzweifelt
Von Uta Keseling
Es ist Punkt zwölf Uhr, die fünfte Stunde in einer Berliner Hauptschule beginnt. Deutsch heißt das Fach, das Frau S. in der neunten Klasse unterrichten soll. Doch Deutsch ist im Grunde eine Fremdsprache für die meisten ihrer 30 Schüler. Und das Drama ist: Eigentlich sind vielen der Jugendlichen alle Sprachen fremd. Eigentlich haben sie gar keine Sprache. An einer durchschnittlichen Hauptschule beherrscht ein großer Teil der Schüler nicht nur das Deutsche kaum; viele wissen von ihrer jeweiligen Muttersprache fast ebenso wenig. Von all den Muttersprachen ihrer Schüler weiß Frau S. eigentlich nichts. Die Lehrerin spricht Englisch und Französisch, aber natürlich weder Türkisch, Arabisch, Griechisch, Polnisch, Russisch, Kroatisch, Vietnamesisch noch gar Hindi. An der Schule von Frau S. gibt es gerade mal zwei türkische Lehrer. Sie kamen in den Siebzigern nach Berlin, als die Schüler aus ihrer Heimat noch"Gastarbeiterkinder" hießen und nicht"Jugendliche mit Migrationshintergrund". Und diese beiden türkischen Lehrer werden in zwei Jahren pensioniert. Neue sind nicht in Sicht.
Wie soll man also die Sprache nennen, welche die Schüler von Frau S. sprechen: Kauderwelsch? Pidgindeutsch? Kanakisch, wie sie es selbst nennen? Vielleicht haben sie überhaupt erst wenig gesprochen in ihrem Leben. Nachmittags, soweit Frau S. weiß, beschränkt sich der verbale Austausch vieler ihrer Schüler auf die Satzfragmente und Ausrufe, die man bei Ballerspielen im Internet-Café braucht, im Fitnessklub oder im Sportverein. Und zu Hause gucken sie türkische, arabische oder russische Filme im Fernsehen. Frau S. sieht dergleichen nie. Sie schaut am Abend lieber Arte oder die"Tagesthemen" - Sendungen, die viele ihrer Schüler noch nie gesehen haben.
Manche der Neuntklässler haben vor zwei Jahren erst Lesen gelernt, als sie von der Grundschule auf die Hauptschule kamen."Wie diese Schüler sechs Jahre lang versetzt werden konnten, ist mir ein Rätsel", sagt Frau S.
Sie verlässt jetzt das Lehrerzimmer, eine zierliche Frau im weiten Strickpulli mit einer großen, abgeschabten Ledertasche unterm Arm. Ein Pulk Schüler läuft auf dem Weg zum Klassenraum der Neunten neben ihr her und umringt sie."Ich muss Ihnen was Wichtiges sagen", ruft ein Junge."Ich hab hier ausgefüllten Zettel für Klassenfahrt" - ein Mädchen hält ihr einen Umschlag unter die Nase. Frau S. versucht, trotz ihrer schweren Tasche danach zu greifen."Wie geht es Ihnen?" Ein Schüler hält sie am anderen Arm fest und schreit, um die Fragen der anderen zu übertönen:"Wie geht es Ihnen, Frau S.?" Wieder und wieder:"Frau S., wie geht es Ihnen?" Er erhält keine Antwort.
Vor dem Klassenraum kommt ein Junge in weiten Hosen mit ausgestreckter Hand linkisch auf die Lehrerin zu."Guten Tag, Frau S.!" Der 15-Jährige überragt seine Lehrerin um Haupteslänge. Sie schaut an ihm hoch, auf Goldketten, Sweatshirt und Gelfrisur. Neben dem Kerl stehen drei weitere Schüler und grinsen. Mehr Goldketten, noch mehr gegeltes Haar. Einer radebrecht:"Wie lange dauert das hier heute noch - so halbe Stunde?"
Ankunft im Klassenraum. Fünf Mädchen toben um Tische und Stühle. Kreischend. Ohrenbetäubend. Der Junge an der Tür hält der Lehrerin immer noch vergeblich seine Hand hin und stammelt beleidigt:"Warum nicht? Das ist unhöflich!" -"Stimmt", gibt Frau S. zu,"aber rein mit euch jetzt, die Stunde fängt an."
Es dauert gut fünf Minuten, bis alle sitzen und der Lärmpegel so weit gesunken ist, dass man sein eigenes Wort verstehen kann - der Unterricht kann beginnen. Die Schüler sollen von einer Messe berichten, die sie besucht haben. Unausgesprochenes Lernziel: Wichtiges von Unwichtigem zu trennen und in vollständigen Sätzen zu sprechen. Unter den Jungs werden verstohlene Blicke getauscht. Und jetzt? Die Ersten fangen an, zu kichern und sich leise zu unterhalten. Andere melden sich.
Eigentlich erzählen sie gern. Sie schildern endlos, wie sie auf der Messe Gewinnspiele gespielt haben, bis ein Junge stolz berichtet, er habe beim"Jetsiki" einen Rekord gebrochen. Die anderen lachen."Beim was?", will die irritierte Lehrerin wissen. Der Junge, der offensichtlich nicht gut Deutsch spricht, ist peinlich berührt."Weiß ich doch nicht, wie das heißt", entgegnet er trotzig. Er versucht zu erklären, doch keiner hört zu, seine Worte gehen in dummen Sprüchen unter. Das Spiel hieß wohl Jet-Ski, der türkische Junge hatte das englische Wort nur gelesen und nicht gewusst, wie er es aussprechen sollte. Weder er noch seine Mitschüler werden es je erfahren. Der Junge wird in dieser Stunde den Mund nicht mehr aufmachen.
Ein anderer im gelben Pulli ist der Einzige, der ernsthaftes Interesse an der Aufgabe hat. Was er berichtet, scheinen jedoch einige seiner Mitschüler gar nicht zu begreifen - selbst wenn sie zuhören. Ganz vorn sitzt ein Junge mit glasigem Blick, der sich die ganze Stunde über praktisch nicht bewegt. Hinten massiert gerade ein Schüler seiner Tischnachbarin den Nacken. Ein anderer liest das aktuelle Fernsehprogramm. Das einsame Frage-Antwort-Spiel zwischen dem Schüler im gelben Pulli und der Lehrerin wird laufend unterbrochen durch deren Ermahnungen an die Klasse. Frau S. fordert die Schüler weiter hinten der Reihe nach auf, sich nicht zu unterhalten, ruhig zu sitzen, zuzuhören. Wer länger als fünf Minuten seinen Namen nicht gehört hat, driftet ab. Zettel werden hin und her geschoben. Die Lehrerin fängt einen ab."Albania, Albania", steht darauf.
Einige Schüler haben die Köpfe auf die Tische gelegt oder starren mit leeren Augen vor sich hin, die anderen reden, kichern und hampeln herum. Frau S. lässt sie nicht aus den Augen. Frau S. ermahnt und ermahnt:"Hassan, jetzt ist Schluss! Thomas, hör auf, Janina anzufassen, die ist schon ganz rot im Gesicht vor Aufregung!" Die Schüler feixen. Janina kichert und kichert und kann nicht mehr aufhören zu kichern.
"Raus hier, alle drei!", schreit die Lehrerin plötzlich. Die drei Angesprochenen grinsen und bleiben sitzen."Hört ihr nicht!", brüllt Frau S."Verlasst bitte den Raum!" Nichts geschieht. Janina kichert weiter."Ihr seid so unhöflich, ich habe keine Lust mehr auf euch", wütet die Lehrerin. Dann geh du doch weg, steht in den Augen der Schüler. Nur in der ersten Reihe senkt ein Mädchen mit Kopftuch den Blick. Die Lehrerin droht."Ich rufe deine Mutter an, Thomas, gleich nach dieser Stunde." Die drei stehen langsam auf, stummen Vorwurf und gespieltes Unverständnis in den Mienen."Nimm deine Jacke mit, Hassan. Du brauchst nicht mehr wiederzukommen", sagt Frau S., und Hassan - nun, Hassan lässt die Jacke hängen.
Kurz vor dem Ende der Stunde stehen die drei vor der Tür und bitten, wieder reinkommen zu dürfen."Nein", sagt die Lehrerin,"geht weg. Ich will euch nicht mehr sehen." Die Tür schließt sich endgültig hinter den drei Schülern.
"Müsst ihr wirklich immer so sein?", seufzt Frau S. in die Klasse. Rhetorische Frage. Betretenes Schweigen."Was haben wir denn gemacht?", fragt ein Schüler."Ihr seid unhöflich", schreit die Lehrerin,"zu Hause seid ihr doch auch Respekt gewohnt." Respekt! Ein Schüler strafft sich, nimmt auf dem Stuhl Haltung an, gespielt witzig, aber viel zu prompt, um zu überspielen, wie stark er gerade auf das bloße Wort reagiert hat: Respekt. Es ist ihm regelrecht in den Körper gefahren.
Respekt bedeutet für viele dieser Schüler etwas völlig anderes als das gleichnamige deutsche Wort im Munde eines Lehrers oder gar einer Lehrerin. Respect - Englisch ausgesprochen - gebührt den Chefs einer Clique, denen, die sich durchsetzen können, beim Rappen oder beim Graffitisprayen. Respekt in der islamischen Variante gebührt den Älteren, den Familienoberhäuptern. Weinerliche deutsche Lehrerinnen in Strickpullovern fallen ganz sicher unter keine dieser Kategorien.
Ein Junge versucht nun, seine Mitschüler zu rechtfertigen:"Wir sind eben Schüler." Er ringt nach Worten, kommt ins Stocken, stottert."Das ist bei uns halt so, wenn wir in der Schule sind." Wenn wir in der Schule sind - dieser fremden, seltsamen Schule, die Dinge von uns will, die wir nicht wollen und nicht verstehen, und uns Lehrer vorsetzt, die wir nicht ernst nehmen. Vorhin, auf dem Weg in den Klassenraum, konnte er noch ganz flüssig reden."Aber", versucht die Lehrerin es noch einmal,"ich war doch auch mal Schülerin, und ich war nicht so wie ihr." Die Jungen gucken irritiert: Ja, na und? Es scheint, die Lehrerin redet von einer Vergleichbarkeit unvergleichbarer Dinge. Was haben sie mit dieser Frau S. zu tun, die angeblich auch mal jung war? Es scheint, Frau S. und ihre Schüler gehören verschiedenen Gattungen an. Das Mädchen mit dem Kopftuch in der erste Reihe sagt:"Können wir mit diesem Scheißthema jetzt aufhören?" Sie sagt es zu ihrem Tisch. Aber sie sagt es laut genug, dass alle es hören. Dass es auch die Lehrerin hört."Gut", sagt Frau S. Gut ist ein gutes Stichwort. Am Ende dieser Stunde wird sie den Schülern eine Hausaufgabe stellen. Sie sollen einen Fragebogen für eine Umfrage entwickeln. Thema: Wie stelle ich mir einen guten Lehrer vor?
<ul> ~ Quelle: Berliner Morgenpost</ul>

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