- PLEASE HELP! Kennt jemand brauchbare Infos zur.. - YIHI, 23.06.2001, 19:35
- Re: PLEASE HELP! Kennt jemand brauchbare Infos zur.. - Baldur der Ketzer, 23.06.2001, 19:46
- Da könnte was dabei sein.... - Cosa, 23.06.2001, 22:39
- Re: Mein Aufsatz in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG (4./5.IV.'92) könnte helfen.... - Galiani, 24.06.2001, 03:49
- Re: Danke für diesen Text! Muss ihn aber noch lesen... owT - JüKü, 24.06.2001, 03:53
- Vielen lieben Dank! owT - YIHI, 24.06.2001, 11:58
- Re: Russische Lethargie - Dionysos, 24.06.2001, 13:02
- Re: Beim Einlesen dieses Aufsatzes mit OmniPage gab es sinnstörende Fehler - Galiani, 24.06.2001, 04:54
Re: Beim Einlesen dieses Aufsatzes mit OmniPage gab es sinnstörende Fehler
deshalb habe ich den Text nochmals durchgesehen und korrigiert:
Erschienen unter der Rubrik ZEITFRAGEN
in der NEUEN ZÃœRCHER ZEITUNG,
Samstag/Sonntag 4./5. April 1992, S. 25
Der Untergang der Sowjetunion
und die politische Ã-konomie im Westen
Von Dr. Werner Tabarelli, Jurist und Ã-konom, Honorarkonsul der Republik Ã-sterreich, Liechtenstein
Auch Staatsuntergänge sind nicht mehr das, was sie einmal waren. Das Osmanische Reich wurde vom Ersten Weltkrieg hinweggefegt, Frankreichs Ancien Regime verschwand im Chaos der Revolution. Die Sowjetunion hingegen hörte sang- und klanglos auf. Sie war wirtschaftlich und moralisch einfach am Ende. In seltsamem Gegensatz zu diesem Scheitern war es dem sowjetischen Propagandaapparat drei Generationen lang gelungen, im Westen die Vorstellung von einer ausserordentlichen wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des Sowjetsystems zu erzeugen. In den Schriften der illustersten Wissenschafter, im Denken westlicher Politiker und selbst in den Schulbüchern, nach denen unsere Kinder in Geschichte oder Religion unterrichtet werden, finden sich die Spuren dieser Geschichtsfälschung. Es ist an der Zeit, den nun wirklich nicht mehr übersehbaren Realitäten zu entsprechen und aufzuräumen.
Der Mythos von der Vertragstreue der Sowjetunion
Irgendwie schaffte es die kommunistische Propaganda, den Politikern, den Geschäftsleuten und den Bankern im Westen einzureden, dass es sich bei der Sowjetunion um einen ganz besonders verlässlichen Partner handle. Obwohl natürlich jeder wusste, dass dieser Partner in allen freien Ländern Wirtschaftsgeheimnisse stahl und agitatorische Wühlarbeit betrieb.
Im Zuge der 1990 gegen den britischen Bergarbeiterpräsidenten Scargill erhobenen Veruntreuungsbeschuldigungen erfuhr man ganz nebenbei, dass der von ihm angezettelte rein politisch motivierte Bergarbeiterstreik in den Jahren 1984/85 mit Millionen aus der Sowjetunion finanziert war. Und das hatte Tradition: Schon in den zwanziger Jahren hatte Moskau die britischen Bergarbeiter mit hohen Beträgen bestochen.
Der Ruf, absolut vertragstreu zu sein, den die Sowjetunion über Jahrzehnte mit Umsicht aufgebaut und gepflegt hatte, erlaubte es ihr im übrigen auch, binnen nur zwanzig Jahren seit 1970 Kredite in Höhe von zuletzt rund 80 Milliarden Dollar im Westen aufzunehmen. Wobei man nach dem gigantischen Staatsbankrott vom Februar 1918 eigentlich hätte meinen sollen, dass niemand jemals wieder bereit sein würde, der Sowjetunion Geld zu leihen.
Als am 10. Februar 1918 die Bolschewiken mit einem Paukenschlag alle «von den Regierungen der russischen Bourgeoisie» aufgenommenen Staatsanleihen für ungültig erklärten, wurden mit diesem Dekret internationale Zahlungsverpflichtungen des zaristischen Russland von nahezu 2 Milliarden Pfund Sterling vom Tisch gewischt. Nach heutigem Geld, über den Goldpreis umgerechnet, nicht ganz 200 Milliarden Dollar!
Man müsse wohl, schrieb die NZZ am 17. Dezember 1991, «vom Mythos der, Sowjetunion als eines über alle Zweifel erhabenen Schuldners... Abschied nehmen». Denn kurz vorher hätten die Sowjets ihre Gläubiger wissen lassen, dass sie - vorerst - nicht mehr in der Lage seien, die von ihnen aufgenommenen internationalen Kredite zu bedienen. Und jene
zweieinhalbtausend Tonnen Gold, die man im Westen immer als letzte Sicherheit für die sowjetische Aussenschuld betrachtet hatte, seien - sorry! - auch verschwunden! 1)
Stabile Preise in einer sozialistischen Wirtschaft?
Zum festen Schatz marxistischer Propaganda gehörte seit Generationen auch die unhaltbare Behauptung, dass nur unter den Verhältnissen einer Marktwirtschaft Inflation möglich sei. Vom Staat festgesetzte Preise seien sozusagen per Definition stabil. Das ist natürlich Unsinn, wie spätestens im letzten Jahrzehnt durch die Entwicklung in fast allen sozialistischen Staaten klargeworden ist. Dennoch hat sich derartiges selbst in unsere nationalökonomischen Lehrbücher eingeschlichen. Samuelson und Nordhaus etwa erliegen in ihrem berühmten Werk der sowjetischen Desinformation: «Was immer sonst die Fehler des Sowjetkommunismus sein mögen», verkünden sie vollmundig, «die Probleme einer offenen Inflation... gehören nicht dazu» 2)
Die 74jährige Geschichte der Sowjetunion lehrt indes, dass gerade Preisstabilität nie etwas war, worauf kommunistische Machthaber hätten besonders stolz sein können! Gleich nach der Oktoberrevolution gab es die furchtbaren Geldwirren der frühen zwanziger Jahre. Der neue, per Dekret am 7. März 1924 eingeführte Rubel ersetzte ein Geld, das gerade noch ein Fünfzigmilliardstel des Vorkriegsrubels wert war! Und auch dieser Rubel von 1924 verlor rasch an Wert. Schon 1926 war sein Schwarzmarktkurs um 60 Prozent gesunken. Auch zwischen 1928 und 1931 und dann natürlich im Krieg sind die Preise rasant gestiegen; vorsichtig gerechnet zwischen 1924 und 1949 auf das mindestens Fünfundzwanzigfache. Nicht gerade das, was man unter Preisstabilität versteht! 3)
In den Fünfzigern und wohl auch in den sechziger Jahren waren die Preise in der Sowjetunion offenbar einigermassen stabil, wenngleich die Statistiken diesbezüglich kein einheitliches Bild vermitteln. Spätestens ab den frühen siebziger Jahren aber kam es auch in der ehemaligen Sowjetunion wie in allen Industriestaaten der Welt wieder zu einem stärkeren Anstieg der Preise. Zwischen 1960 und 1985 beläuft er sich auf etwa 35 Prozent und bis 1988 auf nochmals knapp 20 Prozent. 1989 nahm er mit einer Jahresrate von 50 bis 100 Prozent dramatische Ausmasse an. 1990/91 ging die Entwicklung in eine Hyperinflation über mit Preissteigerungsraten von 300 bis 500 Prozent! Ende Dezember 1991 kostete Wurst in Moskau zwanzigmal soviel wie 1985. Eier waren 35mal so teuer. Butter gab es vor Präsident Jelzins Preisreform überhaupt nicht mehr zu kaufen!
Vergleich: Rubel gegen Dollar
Gewiss, auch anderswo sind über drei Generationen hinweg die Preise gestiegen. Für einen Dollar erhielt man 1930 fast genau 1 ½ Gramm Gold; heute dagegen nur noch rund den siebzehnten Teil davon. Andererseits wurden nach Sedillot 1930 am Schwarzmarkt in Moskau 50 Rubel für einen Dollar bezahlt; heute erzielt man, wie man täglich in der Zeitung liest, mindestens 100 Rubel pro Dollar. Hat der Rubel also im Verhältnis 100 zu 50, somit mindestens zweimal soviel, an Wert verloren wie der Dollar?
Falsch! Denn der heutige Rubel ist um einen, Faktor 100 «schwerer» als Anfang der dreissiger Jahre. Die Sowjetregierung hat nämlich zweimal, 1947 und Ende 1960, das jeweils alte Geld für ungültig erklärt und zehn «alte» gegen einen «neuen» Rubel umgetauscht. Anders ausgedrückt: der Wertverlust des Rubels seit Anfang der dreissiger Jahre ist nicht bloss zweimal, sondern zumindest zweihundertmal so gross wie der des Dollars!
Potemkinsche Dörfer heute
Die Manipulation der öffentlichen Meinung, «systematische Agitation», wie man das schon am IX. Kongress der KPdSU Ende März 1920 in Moskau nannte, und zwar ausdrücklich «auch auf wirtschaftlichem Gebiet», ist für Kommunisten eine ausserordentlich wichtige Sache. Schon in den zwanziger und dreissiger Jahren gab Stalin für Auslandagitation Millionen aus. Im Laufe der Zeit wuchsen die diesbezüglichen Budgets beträchtlich an. In den achtziger Jahre beliefen sich die Gesamtausgaben dieses Apparates der im übrigen, wie Vermaat berichtet, eng mit dem KGB verzahnt war, nach offiziellen Angaben auf nahezu 2 Milliarden Dollar pro Jahr: die Tass verfügte über 550 Millionen; Novosti über 500 Millionen; «New Times» über 200 Millionen und der Auslandservice von Radio Moskau über 700 Millionen Dollar. 4)
Je mehr man diesen Fragen nachgeht, um so beklemmender wird einem klar, wie erfolgreich sowjetische Wirtschaftspropaganda das Denken der Menschen im Westen während Jahrzehnten geformt hat: Josef Schumpeter sah, wie viele vor und nach ihm, in den vierziger Jahren den baldigen Untergang des kapitalistischen Wirtschaftssystems voraus. John
Kenneth Galbraith von der Harvard-Universität meinte 1984, das sowjetische System habe «deshalb Erfolg, weil es im Gegensatz zur westlichen Industriewirtschaft vollen Gebrauch von seinen Arbeitskräften macht». Die Analysten der CIA überschätzten, wie der wortgewaltige Daniel Patrick Moynihan der CIA unlängst vorwarf, konsequent über Jahrzehnte hinweg, ohne Ausnahme und erheblich die Grösse und das Wachstum der Sowjetwirtschaft. Und der Nobelpreisträger Professor Paul A. Samuelson behauptet in zahlreichen Auflagen seines bereits erwähnten Lehrbuches, dass angeblich die Zuwächse der Wirtschaft in der ehemaligen Sowjetunion jene in den westlichen Industrieländern stets weit übertroffen hätten: «Tatsächlich», verkünden Samuelson und sein Co-Autor mit einem Hauch von Begeisterung, «war das sowjetische Wirtschaftswachstum seit den zwanziger Jahren eindrucksvoll. Es verlief steiler als der langfristige Wachstumstrend in jeder Marktwirtschaft...»
Deprimierende Wirklichkeit
Rechnet man anhand der hier unterstellten Wachstumsraten nach, so hätte die Sowjetunion die Länder im Westen längst einholen, ja überholen müssen. Jedenfalls hätte sich der Abstand im Lebensstandard zwischen der Sowjetunion und dem Westen notwendigerweise verringern müssen! Das aber war eben nicht der Fall! «Wir lebten viel schlechter als andere entwickelte Länden, sagte Präsident Gorbatschew in seiner Rücktrittsrede am Abend des Weihnachtstages 1991, «und wir fallen immer mehr hinter diese zurück.» Den hungernden Menschen in der ehemaligen Sowjetunion musste man das freilich
nicht erläutern; sie wussten es ohnehin! Der Anteil der Sowjetunion an der Summe des Sozialproduktes der grossen Industrieländer war seit den fünfziger Jahren keineswegs gestiegen, wie es nach Samuelsons These hätte sein müssen, sondern dramatisch zurückgegangen: von knapp 30 Prozent 1960 auf schätzungsweise bloss noch ein Zehntel im Jahre 1990!
Aber es ist nicht etwa so, dass sich da erst in den sechziger Jahren irgendein Fehler ins System eingeschlichen hätte! Vielmehr führten schon die ersten Schritte der Sowjets Anfang der zwanziger Jahre zu einer verheerenden Wirtschaftskatastrophe. Der Sozialist Valentin Gitermann, ein bestimmt nicht böswilliger Kronzeuge 5) schätzt, dass die gesamte Produktion in den Jahren 1921 /22 nur noch etwas mehr als zwei Fünftel des Standes von 1913 betrug und dass diese Einbusse erst 1927/28 wettgemacht werden konnte. Ausserdem wütete 1921 eine Hungerkatastrophe. In einzelnen Gouvernements gab es überhaupt keine Nahrungsmittel mehr. Millionen von Menschen liefen Gefahr, buchstäblich zu verhungern! Der Münchner Universitätsprofessor Fjodor Stepun, der diese Zeit in seiner Jugend durchlitten hatte, erinnert sich später daran mit den Worten: «Es fehlte in Moskau an allem. Die Menschen verhungerten zu Tausenden, starben an Typhus und «spanischer Grippe». Die um die Särge anstehenden Schlangen waren ebenso lang wie die auf Brot wartenden. Nur etwas gab es in hinreichender Menge - Leichen in der Anatomie». 6)
Stalins Fünfjahrespläne
Ab 1928 wurde von eindrucksvollen jährlichen Zuwachsraten berichtet. Aber was bedeuten solche Zahlen in Tat und Wahrheit?
Ota Sik, der in der Schweiz lebende frühere stellvertretende Ministerpräsident der Tschechoslowakei während des «Prager Frühlings», 7) hat uns, was Wirtschaftsstatistiken aus kommunistischen Ländern betrifft, die Augen geöffnet: Erstens muss man dabei immer mit « beschönigten», d. h. gefälschten Daten rechnen - ein Sachverhalt, der im Zeitalter von Glasnost schliesslich sogar von sowjetischen Ã-konomen, etwa von Abel Aganbegyan, anhand einer Fülle von Beispielen bestätigt wurde. 8) Zweitens ist es, wie Ota Sik gezeigt hat, unter den Verhältnissen einer sozialistischen Wirtschaft durchaus möglich, einerseits angeblich laufend die Produktion zu steigern, während in Wirklichkeit «der Lebensstandard der Bevölkerung unendlich langsamer wächst oder sogar stagniert». Belege aus der ehemaligen Sowjetunion wurden ebenfalls im Zeichen von Glasnost nachgeliefert: Sik hatte darauf aufmerksam gemacht, dass sich das Sozialprodukt in der kommunistischen Planwirtschaft nach der Menge des verbrauchten Rohmaterials bemisst. In der Sowjetunion bestätigt sich dieser Sachverhalt dadurch, dass man dort doppelt soviel Stahl verbrauchte wie in den Vereinigten Staaten, obwohl die Zahl der Produkte aus Stahl nur einen kleinen Bruchteil der entsprechenden Anzahl in den USA ausmacht. Der Rest wird aus denselben Gründen häufig nicht einmal als Schrott verwertet, sondern einfach weggeworfen!
Oder: In der Sowjetunion wurden um die Mitte der 80er Jahre 3,2 Paar Schuhe je Kopf der Bevölkerung (!) - insgesamt 800 Millionen Paar Schuhe pro Jahr - erzeugt, die zum grossen Teil unverkäuflich waren. Dies war der einfachste Weg für die Schuhfabriken, ihre Produktionspläne zu erfüllen und dadurch in den Genuss ihrer Leistungsprämien zu gelangen. Auch auf diesen Mechanismus hatte Sik bereits vor fast zwanzig Jahren hingewiesen!
In solchem Licht betrachtet, verlieren selbstverständlich auch in der Periode von 1928 bis 1960 die offiziellen Wachstumsraten der sowjetischen Wirtschaft viel von ihrem Glanz. Und tatsächlich gibt es ein Anzeichen dafür, dass sogar Stalin mit den erzielten Ergebnissen nicht zufrieden war.
War Russlands Wirtschaft 1917 «rückständig»?
Stalin bemühte als Rechtfertigung der Wirtschaftsmisere den angeblichen Rückstand «um 50 bis 100 Jahre», den die Entwicklung der Wirtschaft im zaristischen Russland gegenüber dem Westen gehabt habe. Dies war eine notwendige Antwort auf die Frage, weshalb es den Sowjetbürgern trotz dem behaupteten enormen Wachstum ihrer Wirtschaft noch immer nicht besser ging als den Menschen im Westen.
Im Laufe der Zeit ist durch ständige Wiederholung aus dieser These von der wirtschaftlichen Rückständigkeit des Zarenreiches eine Überzeugung geworden, die sich tief in unser Bewusstsein eingegraben hat. Selbst ruhige und sachliche Leute reagieren gereizt, wenn man diesen Sachverhalt in Frage stellt. Wobei wir ausdrücklich nicht von Demokratie reden und nicht von der Freiheit der Arbeiter oder von Menschenrechten, sondern vom Entwicklungsstand der Wirtschaft!
Jede halbwegs seriöse wirtschaftshistorische Analyse widerlegt nun allerdings sofort und ganz offensichtlich diese These Stalins: Zwar hatte Russland mit seiner Industrialisierung spät begonnen, sie ging nach dem Debakel des Krimkrieges jedoch überaus dynamisch vor sich. Das russische Eisenbahnnetz, dessen Streckenlänge 1865 erst 3800 Kilometer betragen
hatte, erstreckte sich 1913 über eine Gesamtlänge von 75 000 Kilometern, davon 17 000 im unwirtlichen asiatischen Teil des Landes. Zum Vergleich: Auf dem Gebiet des Deutschen Reichs waren bis 1920 erst 62 000 Kilometer gebaut worden. Die russische Handelsflotte zählte 1914 rund 3700 Schiffe, diejenige Preussens nur 2300. Im Bergbau, in der Rohstahlerzeugung und im Maschinenbau stand Russland 1913 jeweils an vierter Stelle der Weltrangliste, hinter den USA, Deutschland und Grossbritannien, vor Frankreich und weit vor Ã-sterreich-Ungarn. 9) Im übrigen findet sich auch in dem erstmals 1899 erschienenen Werk Lenins «Die Entwicklung des Kapitalismus in Russland» kein Wort von einer angeblichen Rückständigkeit, sondern Lenin schwärmt darin geradezu von den Erfolgen der Industrialisierung in seiner Heimat. Und in den schon erwähnten Beschlüssen des IX. Kongresses der KPdSU vom Frühjahr 1920 ist ebenfalls nicht von Rückständigkeit, sondern von den «grundlegenden Bedingungen für das wirtschaftliche Wiederaufblühen des Landes» die Rede!
Es ist im höchsten Mass erstaunlich, dass das Märchen von der angeblichen Rückständigkeit Russlands bei uns im Westen unüberprüft und unwidersprochen so Karriere machen und selbst in die Geschichtsbücher eindringen konnte, nach denen unsere Kinder in der Schule heute unterrichtet werden!
Der «neue Mensch»
Ein grotesker Propagandaerfolg Lenins und seiner Erben war es schliesslich, die Intellektuellen im Westen von der ethischen und moralischen Überlegenheit des Sowjetsystems und der Behauptung überzeugt zu haben, der «neue Mensch» in der Sowjetunion sei nicht mehr auf Profit und Geld erpicht; ja der als «Profit» diffamierte Gewinn sei überhaupt etwas höchst Verwerfliches.
John Maynard Keynes etwa entdeckt bei seiner Reise durch die Sowjetunion 1925, «dass im Herzen des russischen Kommunismus etwas... Belangvolleres lebt, (dessen)... ethischer Kern.. seinen Mittelpunkt in der Einstellung des Individuums und der Gemeinschaft zum Geld» habe (Short View of Soviet Russia, 1925). Und sogar den Kirchen erscheint mittlerweile alles, was mit «Profit» zu tun hat, als mehr oder weniger suspekt: Eine Untersuchung von etlichen hundert katholischen und evangelischen Religionsbüchern, die im Schulunterricht Verwendung finden, hat neben solchen mit ausgeprägt ideologischer Orientierung selbst in ideologisch unverdächtigen Schulbüchern erstaunliche Lehrinhalte entdeckt:
Da wird das Leistungsprinzip mit Ausbeutung, industrielle Arbeit mit Galeerensklaverei, Rationalisierung mit profitorientierter Jobkillerei gleichgesetzt. 10)
In Wirklichkeit hat der Sowjetkommunismus keines seiner Versprechen eingelöst: Mit Sicherheit waren die Menschen in der Sowjetunion nicht «moralischer» als im Westen. Nach allen Berichten ist die Sowjetgesellschaft heute [Anm. Galiani: also Anfang 1992!] sogar durchsetzt von krimineller Schattenwirtschaft und Korruption. Und auch in den zwanziger und dreissiger Jahren las man häufig von Verhaftungen und Verurteilungen wegen Eigentumsdelikten. 1928 etwa waren eine halbe Million Rubel Gewerkschaftsgelder verschwunden, und in den dreissiger Jahren erschoss Dserschinski als Verkehrsminister
eigenhändig einen Bahnstationsvorsteher wegen finanzieller Verfehlungen.
Die hochmütige Industrialisierung der Sowjets, die das Arbeiterparadies hätte schaffen sollen, hat ganze Landstriche unbewohnbar gemacht; - wir erinnern uns an den Atomunfall von Tscheljabinsk 1957, der bis 1988 verheimlicht worden war, oder an den von Tschernobyl 1986. Zwei Drittel der Sowjetbevölkerung verdienten 1986 weniger als jene 200 Rubel pro Monat, die in der Statistik als eine Art Armutsgrenze galten. Und die Lebenserwartung der Menschen in der ehemaligen Sowjetunion liegt 10 Prozent unter der im Westen.
Dennoch fand das alles seltsamerweise nie die gebührende Aufmerksamkeit - wobei vermutlich auch dabei die kommunistische Propagandamaschine ihre Hand im Spiele hatte! Selbst Stalins Massenmorde wurden verdrängt. Vom Pulitzerpreisträger Walter Duranty, der in den dreissiger Jahren Moskaukorrespondent der «New York Times» war, ist die Äusserung überliefert, mit der er über «ein paar Millionen toter Russen» hinwegging: «... Völlig unwichtig... Bloss eine Randerscheinung des mitreissenden Wandels, der sich hier abspielt...» Wie eine gefährliche Droge vernebelte die Propaganda der Sowjets den meistern Beobachtern aus dem Westen das Hirn.
Die einzigen, die sich als immun dagegen erwiesen, waren einige ehrliche Sozialisten: Die Sowjetunion sei die Hölle, zitiert Lincoln Steffens die von dort zurückkehrende Emma Goldmann (Skandalbericht, 1974). Im selben Atemzug aber macht er sich lustig darüber: Die Schwierigkeit der Sozialisten mit der neuen Sowjetunion sei, meinte er, dass sie am Bahnhof
einen Bummelzug erwartet hätten, während ein Express an ihnen vorbeisause.
Fußnoten:
1 Wall Street Journal - Europe, 16. Nov. 1991.
2 P. A. Samuelson, W. D. Nordhaus: Economics, 1985; S. 776.
3 H. Nagler: Die Finanzen und die Währung der Sowjetunion,1932;
R. Sedillot: Le Drame des Monnaies, 1937; A. J. Brown: The Great Inflation 1939-1951, 1955.
4 Die Beschlüsse des IX. Kongresses der Kommunistischen Partei Russlands (Moskau, 29. März bis 4. April 1920), Leipzig 1920; § XIX, S. 34; U. Graf: Aktive Massnahmen - Eine Einführung in die sowjetischen Techniken der Beeinflussung, 1990; J. Bartun: KGB heute, 1983; J. A. E. Vermaat in: Problems of Communism, Nov. bis Dez. 1982; R Lewinson: Das Geld in der Politik, 1931.
5 V. Gitermann: Die historische Tragik der sozialistischen Idee, 1939; S. 226.
6 F. Stepun: Das Antlitz Russlands und das Gesicht der Revolution - Aus meinem Leben: 1884-1922, 1961. S. 375.
7 0. Sik: Argumente für den Dritten Weg, 1973, 4. Kapitel.
8 A. G. Aganbegyan (hrsg. v. M. B. Brown): The Economic Challenge of Perestroika, 1988; Die Beispiele wurden von Aganbegyan auf einer Wirtschaftskonferenz 1988 in London erwähnt (Wall Street Journal - Europe, 8. Febr. 1988).
Vgl. auch: S. Bialer: The Soviet Paradox: External Expansion, Internal Decline, 1987.
9 B. R Mitchell: European Historical Statistics 1750-1975, 1980; The Statesman's Year-Book, Statistical and Historical Annual of the States of the World, 75th Annual Publication, 1920.
10 M. Spieker: Flucht aus dem Alltag? Arbeit, Wirtschaft und Technik in den Schulbüchern des katholischen und evangelischen Religionsunterrichts, 1989.
[Anm. GalianiKurzbiografie von Emma Goldmann aus Britannica:
Goldman, Emma
(b. June 27, 1869, Kaunas, Lithuania, Russian Empire--d. May 14, 1940, Toronto, Ont., Can.), international anarchist who conducted leftist activities in the United States from about 1890 to 1917. The daughter of a government theatre manager, Goldman spent her early life in Königsberg, the capital of Prussia (now Kaliningrad, Russia), and St. Petersburg, the capital of Russia. She emigrated to the United States in 1885 and worked in a clothing factory in Rochester, N.Y., where she attended meetings of German socialists. Later she worked in New Haven, Conn., where she met a group of Russian anarchists.]
<center>
<HR>
</center>

gesamter Thread: