- Sinn des Lebens? Hier ein Buchhinweis ("Neo-Hedonismus") ex USA: - dottore, 27.06.2001, 16:24
- Das ist die"Kölner Schule":"Me jewünnt sisch an alles" (owT) - Der Unsichtbare, 27.06.2001, 17:41
- Oder anderes ausgedrueckt: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier:-) (owT) - pecunia, 27.06.2001, 18:05
- Das ist die"Kölner Schule":"Me jewünnt sisch an alles" (owT) - Der Unsichtbare, 27.06.2001, 17:41
Sinn des Lebens? Hier ein Buchhinweis ("Neo-Hedonismus") ex USA:
Hi,
zur Schopenhauer/Nietzsche und auch „Sinn des Lebens“-Debatte noch ein
kleiner Nachtrag.
Lese heute in der FAZ die Besprechung des Buches:
“Well-Being: The Foundations of Hedonic Psychology“
(Hg. Daniel Kahnemann, Russel Sage Foundation, N.Y.)
Dieses Buch ist offenbar ein Meilenstein nicht nur in Sachen Psychologie,
sondern auch für Fragen der „Lebensbewältigung“ im allgemeinen und könnte dazu
beitragen, nicht nur uns selbst besser zu verstehen, sondern auch mit dem
Leben besser umzugehen.
Darin dürfte besonders ein Aufsatz von Interesse sein, der sich mit der
„hedonischen Anpassung“ beschäftigt (Autoren Shane Frederick u. George
Loewenstein). „Hedonismus“ (von griech hedone = Lust, Freude) ist eine alte antike
Philosophie, die in dem Streben nach Lust und Freude den Sinn des Lebens
erblickt (Hauptvertreter: Epikur). Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um aus
materiellen oder ideellen Dingen bzw. Vorgängen resultierende hedone handelt.
Die US-Psychologen berichten nun, dass sich der menschliche Organismus nicht
nur auf die bekannten Umwelteinflüsse (hell/dunkel usw.) sehr rasch
einstellen kann, sondern offenbar auch auf sich verändernde emotionale Einflüsse.
Selbst stärkste Affekte und Gefühle werden in kurzer Zeit durch Gegenreaktionen
nivelliert. Am Ende bleibt bei jedem ein in etwa gleiches, „mäßiges“ (gleichmäßiges) Gefühl.
Einiges in dieser Richtung war bereits bekannt, so der „Coolidge-Effekt“,
wonach das Interesse von Männchen an einem bestimmten heterosexuellen Partner
allmählich abschwächt und - noch existente Libido vorausgesetzt - sich anderen
Partner zuwendet.
Auch der „Lottogewinn“-Effekt ist nicht neu, bei dem nach einer kurzen Phase
extremer Euphorie wieder Normalität und Alltag einkehren.
Neu ist allerdings die offenbar gut belegte Tatsache, dass auch schwere
Schicksalsschläge (Unfälle und Unfallfolgen) auf Dauer nichts am durchgehend
schon vorher gefühlten Wohlbefinden ändern. Offenbar fungieren emotionale
Anpassungen als eine Art Schutzmechanismus. Ein Zitat: „Sowohl Verbrennungsopfer als
auch Krebspatienten, die Gliedmaßen verloren hatten, legten (nach einigen
Monaten) eine durchschnittlich geprägte Lebenszufriedenheit an den Tag.“
Auch Strafgefangene gewöhnen sich mit zunehmender Haftdauer an die Umstände,
was sogar für Einzelhaft gilt. Andererseits ist ein herannahende Freilassung
wiederum ein Grund für zunehmende Unzufriedenheit (der Gefangene hat jetzt
eine Vorstellung der konkreter werdenden Alternative „Freiheit“), weshalb sich
die Ausbruchversuche gegen Ende der Haftstrafe häufen, was bisher immer als
„rätselhaft“ bezeichnet wurde.
Es gibt allerdings auch Ausnahmen von dieser durch Iteration der Vorstellung
der eigenen Lage sich einstellenden Nivellierung, z.B. nach
Schönheitsoperationen; auch nimmt die Freude an gutem Wein oder an Kunst und Literatur durch
Wiederholung (immer neue „Sensitivierung“) eher zu. (Ich kann das bestätigen,
was meine Beschäftigung mit der Sammelei angeht).
Insgesamt lässt sich aber die immer wieder beobachtete allgemeine Unlust
(bis hin zur Unlust am Leben selbst) und der „Tretmühlen“-Effekt mit Hilfe der
hedonischen Anpassung offenbar ziemlich gut erklären wie auch die Tatsache,
dass viele Menschen immer auf der Suche nach „neuen Kicks“ sind, weil sich der
Positiveffekt früherer Kicks oder freudiger Momente nach kurzer Zeit wieder
verflüchtigt.
Zu schweren Negativ-Erlebnissen, Traumatisierungen gar, kann ich wenig sagen
- außer vielleicht, dass es nach meiner Erfahrung ziemlich lange dauert, sie „zu
verarbeiten“. Ob darauf in der Studie eingegangen wird, weiß ich (noch) nicht, habe das
Buch eben erst bestellt. Immerhin halte ich die Ergebnisse (mit
Berücksichtigung des Faktors „Optimismus“, der die Amerikaner im besonderen auszeichnet,
wie wir wissen, und ergo einer Abdiskontierung) für sub summa ermutigend und
vor allem lehrreich.
Schopenhauers Position würde ich von daher in Richtung auf die Maximierung
der Vermeidung von schlimmen Erfahrungen interpretieren, wobei seine ganz
persönliche Erfahrung eine große Rolle gespielt haben dürfte (Nichtanerkennung
seiner Philosophie über Jahrzehnte hin; die Erstauflage von „Welt als Wille und
Vorstellung“ von 300 Stück blieb ein Ladenhüter und musste zum größten Teil
eingestampft werden).
Nietzsches Position könnte unter dem Aspekt der Maximierung der Suche nach
neuen „Erkenntnis“-Kicks gelegen haben (man denke an sein
Sils-Maria-Erlebnis!), die sich aber nicht beliebig herbeiführen lassen bzw. die - nach starken
Erkenntnis-Schüben - einfach ausgeblieben sind, was er dann psychisch nicht
verkraften konnte).
Für die „Sinn-des-Lebens“-Frage mag das Wissen um eine „hedonische
Anpassung“ hilfreich sein, zumal diese Frage eher in persönlichen Minuspositionen gestellt wird als nach einem großen Lottogewinn. Das aber muss jeder für sich selbst entscheiden.
Gruß
d.
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