-->Plusminus-Test:
Über welche Allgemeinbildung Schulabgänger verfügen
Autorin: Maja Helmer
Die Klage in der Wirtschaft ist vielstimmig: Verbände wie die IHK und Handwerkskammern bemängeln die Bildung und Motivation der Lehrstellenbewerber.
Pisa für Lehrlinge - Plusminus hat den Test gemacht.
Der Test
Wir haben insgesamt 23 Lehrstellenbewerber in Ost und West geprüft - mit Fragen, wie sie auch die IHK in Berufsanfängertests für Bewerber mit Hauptschulabschluss stellt. Eigentlich sollten 30 potenzielle Lehrlinge an dem Test teilnehmen, doch sieben sind erst gar nicht zum vereinbarten Vorstellungsgespräch erschienen. Für unsere 23"Prüflinge" geht es um Allgemeinbildung und die Lösung leichter Mathematik-Aufgaben. Sie bewerben sich um eine Lehrstelle in einer Fleischerei, in einer Bäckerei, in einem Metallbaubetrieb, bei einem Friseur, bei einem Dachdecker und in einem Fahrradladen. Die Test-Fragen haben wir in ein ganz normales Vorstellungsgespräch eingebaut.
Die Antworten
Bei einigen Bewerbern werden Wissenslücken offenbar, die schon erstaunen. Auf die Frage nach der Hauptstadt von Spanien kommt schon mal die Antwort Mallorca, Zürich wird als Land eingestuft. Die geografischen Kenntnisse sind kaum ausreichend: Nur jeder zweite Kandidat weiss, dass Madrid die spanische Hauptstadt ist und dass Zürich in der Schweiz liegt, wissen nur sechs der 23. Und auch geschichtlich hapert es gewaltig: Wann der 2. Weltkrieg zu Ende war, ist manchem ein Rätsel. Mit aktueller Politik kennen sich die Lehrstellen-Anwärter zwar schon besser aus - immerhin weiß jeder zweite, wer Joschka Fischer ist. Doch wer Bundesfinanzminister ist, weiss niemand - stattdessen nennen sie (Bundeskanzler) Schröder, (FDP-Chef) Westerwelle oder (den frühere Bundesfinanzminister) Waigel als amtierenden Bundesfinanzminister.
Aus dem Vorstellungsgespräch in einer Fleischerei
[Plusminus war in Potsdam, bei Fleischermeister Bothe, der von 25 Bewerbern auf eine Lehrlingsstelle nur die sechs besten eingeladen hat. Und schon deren Zeugnisse waren miserabel. Der komplette Einbruch dann beim Kopfrechnen - ein Beispiel:
Meister:"Ein Grundstück ist rechteckig, zehn Meter breit und 40 Meter lang. Wieviel ist da der Umfang?"
Bewerber:"...."
Meister:"Zehn Meter mal 40 Meter?!"
Bewerber:"Ein Dreieck?"
Meister:"Nee, ein rechteckiges Grundstück, zehn mal 40 Meter. Wieviel ist da der Umfang von dem Ganzen?"
Bewerber:"Der Umfang? Muss man das können?"
Meister:"...der ist gut. Mensch, du bist doch so viele Jahre zur Schule gegangen! Muss man so was können!"
Bewerber:"Das sind Formeln!"
Meister:"Nee, ist doch keene Formel."
Bewerber:"Doch da gibt's ne Umrechnungsformel. Nachdem macht man sowas umrechnen."
Meister:"Also, zehn Meter und hier drüben auch zehn Meter, das sind 20 Meter, hier sind 40 Meter, macht 60 Meter und dann noch 40 Meter. Das sind 100 Meter. Da brauch ich keene Formel, wenn ich den Umfang von irgendwas berechnen will."
Bewerber:"Naja, unsere Schule ist so was modernes, neues gewesen. Da bringen sie..."
Meister:"Da haben sie eine Formel zu gehabt?"
Bewerber:"Da musste das immer alles genau und anders konnte man das nicht machen."
Meister:"Aha, na gut."
Bewerber:"Man müsste dringend so was lernen."
Den Umfang und die Fläche eines Rechteckes berechnen, das ist eine Aufgabe aus der dritten Grundschulklasse. 13 der 23 Prüflinge scheiterten daran. Und auch nur fünf der Bewerber konnten errechnen, wie viel Gramm ein Viertel Pfund hat, wenn ein Pfund 500 Gramm schwer ist.
Das Testergebnis
Kein Bewerber konnte alle Fragen beantworten. Die Hälfte erreicht beim Rechnen gerade Grundschulniveau. Dabei machte es keinen Unterschied, ob die Lehrlingsbewerber im Osten oder im Westen zur Schule gingen.
Ein erschütterndes Ergebnis? Für Fleischermeister Bothe nichts Neues:
"Zu bemerken ist, dass Lehrlingen in den letzten zehn Jahren sehr viel schlechter geworden sind. Die Schüler, die wir zur Verfügung gestellt bekommen von den Schulen, die einen handwerklichen Beruf erlernen wollen, haben sehr schlechte Noten und sind für uns für die Betriebe teilweise nicht auszubilden."
Nicht ausbildungsfähig sind viele Schulabgänger, das hat auch der [Plusminus-Test gezeigt. Kein Wunder also, dass jedes Jahr 15 Prozent der Lehrstellen unbesetzt bleiben - weil es keine geeigneten Bewerber gibt.
<ul> ~ Quelle</ul>
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